Das Diktat von Versailles:
Krönung der antideutschen Strategie

von Wolfgang Effenberger

 

 

Hinweis der Redaktion: Am 28. Juni jährt sich Versailles zum 100. Mal. Wolfgang Effenberger hat aus diesem Anlass am Pfingstsonntag auf dem Geschichtsforum in Magdeburg einen Vortrag gehalten. Nachfolgend drucken wir den ungekürzten Vortragstext mit der freundlichen Genehmigung von Herrn Effenberger - für die wir uns in aller Form bedanken - ab ...

 

Vor wenigen Tagen erschien von Willy Wimmer und Alexander Sosnowski das Buch „Und immer wieder Versailles“. Versailles wirkt bis heute fort und hat eine lange Vorgeschichte.

Hier  einige Schlaglichter:

1895 konstatierte der junge britische stellvertretende Außenminister Edward Grey : „Ich fürchte, wir werden früher oder später kämpfen müssen, es sei denn, ein europäischer Zankapfel fällt unter die kontinentalen Mächte, aber wir haben eine gute Karte zur Hand, und ich denke, ein mutiger und geschickter Außenminister könnte Russland aus der Anzahl unserer aktiven Feinde herauslösen, ohne dabei sehr wesentliche britische Interessen zu gefährden."

Im Vorfeld des 1. Weltkrieges hatte sich Grey als ein entsprechend  mutiger und geschickter Außenminister  erwiesen. Mit Genugtuung stellte er am 28. März 1914 fest: „in ein paar Wochen wird der Weltkrieg ausbrechen. Für England bedeutet er einen erwünschten Ausweg aus den inneren Schwierigkeiten.“

 

In der Woche vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs nannte der Erzbischof von New York, Kardinal John Murphy Farley  Ross und Reiter: „Der Krieg, der in Vorbereitung ist, wird ein

 Kampf zwischen dem internationalen Kapital und den regierenden Dynastien sein. Das Kapital wünscht niemanden über sich zu haben, kennt keinen Gott oder Herrn und möchte alle Staaten als großes Bankgeschäft regieren lassen. Ihr Gewinn soll zur alleinigen Richtschnur der Regierenden werden ..Business … einzig und allein."

 

In Frankreich äußerte sich der Sozialist Jean Jaurès  am 30. Juli 1914 ähnlich: „hier in Frankreich arbeiten wir mit allen Gewaltmitteln für einen Krieg, der ausgefochten werden muß,

um ekelhafte Begierden zu befriedigen, und weil die Pariser und Londoner Börsen in Petersburg spekuliert haben … Es liegt an der Macht der französischen Regierung, Rußland am Kriege zu hindern, aber man sucht den Krieg, den man schon lange schürt.“

 

Am 4. August 1914 um 23:30 wurde dem deutschen Botschafter in London die britische Kriegserklärung übergeben. Und bereits in den frühen Morgenstunden des 5. August hob die britische Navy vor Emden das deutsche Atlantikkabel  und schnitt ein längeres Stück heraus. Noch am gleichen Morgen publizierte die New Yorker Times eine Kolumne des englischen Schriftstellers und Soziologen H. G. Wells, in der er den britischen Kriegseintritt begrüßte:

„Dieses Trampeln, Dröhnen im Herzen Europas, das die Zivilisation in Ketten legt und die Hoffnungen der Menschheit seit vierzig Jahren verdunkelt hat - hat zum unvermeidlichen Schlag ausgeholt. Nie war ein Krieg so gerecht, wie der Krieg jetzt gegen Deutschland. [Das militärische Ergebnis] wird innerhalb der nächsten zwei oder drei Monate mehr oder weniger endgültig entschieden. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt wird der deutsche Imperialismus zerstört sein, und es ist möglich, das Ende der Rüstungsphase der europäischen Geschichte vorwegzunehmen. Russland wird zu erschöpft sein für weitere „Abenteuer.“

 

"Das zerschlagene Deutschland wird revolutionär sein ... Jetzt ist das Schwert für den Frieden gezogen.

 

Nach 51 leidvollen Kriegsmonaten brach Anfang November in Deutschland die Revolution aus. Am 8. November – gerade als die Waffenstillstandsverhandlungen aufgenommen wurden – siegte unter Kurt Eisner die Revolution in Bayern– einen Tag später in Berlin. Am 10. November  meldete der französische Leutnant Desgranges – als Nachrichtenoffizier in Deutschland  eingesetzt -  zufrieden an seinen Vorgesetzten, General Boucabeille: 

„Die Ereignisse, die sich im Augenblick überstürzen, beweisen, daß wir recht hatten. Die deutsche Revolution ist in dem Augenblick ausgebrochen, den wir vorausgesehen hatten ... Diese Revolution geht von den Leuten aus, die wir kennen, und wird, wie wir vorhergesagt haben, bis zum Äußersten gehen.“

 

Als am 11. November 1918 morgens kurz nach 5 Uhr im Wald  von Compiègne Erzberger der Waffenstillstandsvertrag zur Unterschrift vorgelegt wurde, erreichten amerikanische Angriffsspitzen Sedan. Sechs Stunden später war der Kampf  zu Ende. Wilson war am Ziel. Er hatte die seit mehr als einen Monat friedensbereiten Deutschen erfolgreich hingehalten. Österreich-Ungarn war zerbrochen und Deutschland lag in den Krämpfen einer Revolution.


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       Der seit 1917 in der Schweiz tätige US-Agent George D. Herron forderte am 17.November Eisner dringend auf, „die ersten Schritte zu einem vollen und offenen Bekenntnis der Schuld        und Untaten der deutschen Regierung am Anfang des Krieges und an den Grausamkeiten der Kriegführung zu unternehmen. Die moralische Wirkung einer solchen Handlung       wäre gewaltig  und entscheidend.“

 

Prompt legte Eisner  bereits am 23. November 1918 zum Beweis der deutschen Schuld die bayerischen Gesandtschaftsberichte zum Kriegsausbruch in einer gekürzten Form" vor, heißt es lapidar in der Online-Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung.

 

Gekürzt“ ist ein absoluter Euphemismus.

 

Eisner manipulierte für seine sogenannte "Enthüllung" den Originalbericht  des Geheimrats v. Schön dermaßen, dass es so aussah, als habe Deutschland den Krieg gewollt. Die Westminster Gazette dankte Herrn Eisner höhnisch für seine Aufrichtigkeit, und die Morning Post erkannte in den Enthüllungen Eisners eine genaue Aufdeckung der Schuldfrage und forderte, die Urheber des Verbrechens der Gerechtigkeit zu überantworten. Nach Lord Ponsonby entstand durch Eisners Kürzungen der Eindruck, die deutsche Regierung habe einen Weltkrieg entfachen wollen. Der Vorfall führte zu einem Prozess. Zwölf ausländische Sachverständige prüften das Schriftstück, und alle kamen zu der Schlussfolgerung, dass eine Fälschung vorliege.“

 

Auch der Pariser Professor, M. Edouard Dujardin, erklärte: „Es ist meine Ansicht, dass der Text, so wie ihn die Bayerische Staatszeitung veröffentlicht hat, eine der offenkundigsten und ruchlosesten Fälschungen der Geschichte ist.“ Aus dem vollständigen Text geht klar hervor, daß die deutsche Regierung im Höchstfall mit einen lokalisierten Krieg zwischen Österreich und Serbien rechnete. Eisners naive Rechnung auf das Wohlwollen der Siegermächte stieß natürlich überall auf heftigen Widerstand.

 

Nur einige deutsch-jüdische Intellektuelle des linken Flügels begrüßten die Weltkriegsniederlage als Vorbedingung radikaler gesellschaftlicher Umwälzungen. Die Mehrheit der jüdischen Mitbürger war von der Friedensabsicht des Kaisers überzeugt. Für  den Herausgeber der jüdischen Monatsschrift Jeschurun, Joseph Wohlgemuth, stand bei Kriegsende fest: „Noch immer steht uns die Gerechtigkeit der deutschen Sache beim Ausbruch des Krieges außer Zweifel.“

 

Frieden in Versailles?

 

Die Versailler Friedenskonferenz dauerte vom 18. Januar 1919 bis zum 21. Januar 1920. Es ging um die Aufteilung der Welt zwischen den imperialistischen Siegerstaaten aufgrund der Kriegsergebnisse. Erst als die Dokumente für die Friedensverträge ausgefertigt waren, durften Deutschland und seine ehemaligen Verbündeten teilnehmen. Sowjetrussland war komplett ausgeschlossen.

 

Das aus David Lloyd George (GB), Georges Clemenceau (F) und Woodrow Wilson (USA) bestehende Entscheidungstrio setzte sich in den Geheimkonferenzen souverän durch.

 

In den Waffenstillstandsbedingungen für Deutschland vom 11. November 1918 war bereits festgeschrieben:

 

Räumung des linken Rheinufers,

Bildung einer entmilitarisierten Zone auf dem rechten Rheinufer sowie

Auslieferung von 5.000 Lokomotiven, 150.000 Waggons und 5.000 Lkw an die Alliierten.

 

Frankreich zielte auf die größtmögliche Schwächung Deutschlands und hätte gern das linksrheinische Ufer annektiert bzw. auf diesem und dem rechtsrheinischen Gebiet Pufferstaaten gebildet. Die USA und Großbritannien widersetzten sich jedoch diesen hegemonialen Forderungen. Deutschland sollte als Schranke gegen Frankreich und Sowjetrussland erhalten bleiben. Auch wollte man unbedingt die weitere Revolution in Deutschland und ein revolutionäres Bündnis des deutschen mit dem russischen Proletariat verhindern.


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Friedenskonferenz

 

Mit den Worten „Die Stunde hat geschlagenda ihr eure Rechnung vollständig begleichen müsst überreichte der französische Präsident Georges Clemenceau zusammen mit US-Präsident Wilson am 7. Mai 1919 dem deutschen Reichsaußenminister Graf  von Brockdorff-Rantzau die von den Siegern diktierten Bedingungen. Ohne seine Enttäuschung erkennen zu lassen richtete  Brockdorff-Rantzau das Wort an die Alliierten: 

wir kennen die Wucht des Hasses, die uns hier entgegentritt, und wir haben die leidenschaftliche Forderung gehört, dass die Sieger uns zugleich als Überwundene zahlen lassen und als Schuldige bestrafen wollen.“ Vehement verweigerte er das Bekenntnis der  Alleinschuld, welches in seinem Mund eine Lüge sei. Er verwies auf die letzten 50 Jahre, in denen der Imperialismus aller europäischen Staaten die internationale Lage chronisch vergiftet hatte. Brockdorff-Rantzau erinnerte die Siegermächte an die unerträglichen sechs Wochen der Waffenstillstandsverhandlungen sowie an die Hunderttausende von Nichtkämpfern, die seit dem 11. November an der Blockade gestorben waren. „Sie wurden mit kalter Überlegung getötet, nachdem für unsere Gegner der Sieg errungen und verbürgt war. Daran denken Sie, wenn Sie von Schuld und Sühne sprechen.“

 

Im Reichstag lehnten die Parteien zunächst die Friedensbedingungen  geschlossen ab; Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) stellte unverrückbar fest, dass das deutsche Volk im Vertrauen auf die in der  Note vom 5. November von den Alliierten gegebene Zusage, der Friede würde ein Friede des Rechts auf der Grundlage der 14 Punkte Wilsons sein, die Waffen niedergelegt habe.

Als Druckmittel sei  die Hungerblockade bereits sechs Monate fortgesetzt worden; die Friedensbedingungen widersprächen den gegebenen Zusagen und seien für das deutsche Volk nicht nur unerträglich, sondern auch bei  Aufbietung aller Kräfte unerfüllbar. „Gewalt ohne Maß und Grenzen soll dem deutschen Volk angetan werden. Aus solchem aufgezwungenen Frieden muß neuer Hass zwischen den Völkern und im Verlauf der Geschichte neues Morden erwachsen.

 

Mit diesem Urteil stand Ebert nicht allein da.

 

Sogar Robert M. Lansing, dem US-Außenminister, erschienen die Friedensbedingungen unsagbar hart und demütigend sowie in großen Teilen nicht erfüllbar. In seiner Aktennotiz zum Vertrag vom 8. Mai 1919 stellte er  nüchtern fest: „Wir haben einen Friedensvertrag, aber er wird keinen dauernden Frieden bringen, weil er auf dem Treibsand des Eigennutzes begründet ist.“ 

William Bullitt, ehemaliger US-Botschafter in Paris und Mitglied der amerikanischen Delegation in Versailles, bat Wilson am 17. Mai 1919 schriftlich um Abberufung von der Konferenz:

Die ungerechten Beschlüsse der Versailler Konferenz über Shantung, Tirol, Thrazien, Ungarn, Ostpreußen, Danzig und das Saarland, sowie die Aufgabe des Prinzips der Freiheit der Meere machen neue Konflikte sicher. Daher halte ich es für meine Pflicht der eigenen Regierung und dem eigenen Volk gegenüber, zu raten, diesen ungerechten Vertrag weder zu unterschreiben noch zu ratifizieren.“

 

Der britische Nationalökonom und Delegierte an der Pariser Konferenz, John M. Keynes, wertete den Vertrag als „einen Versuch, Deutschland der Versklavung zuzuführen und als ein Gewebe von jesuitischen Auslegungen zur Bemäntelung von Ausraubungs- und Unterdrückungsabsichten.“ Als Keynes erkannte, dass „wesentliche Änderungen der Friedensbedingungen nicht zu erreichen sein würden,“ trat er am 7. Juni 1919 von seinen Ämtern zurück.

 

Nach vergeblichen schriftlichen Eingaben um Milderungen trat das Kabinett Philipp Scheidemann komplett zurück: „Präsident Wilson ist ein Heuchler, und der Versailler Vertrag ist das schändlichste Verbrechen der Geschichte", komnmentierte Scheidemann und er setzte grollend hinzu: „Welche Hand müßte nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt.“

 

Dem Rücktritt hatten sich auch die drei jüdischen Minister der Reichsregierung, Dernburg, Landsberg und Preuß angeschlossen. Sie waren keine unbelehrbaren Nationalisten, die die Niederlage leugneten, sondern Pragmatiker mit einem klaren Blick für die Gefahren der Zukunft. Als Berater sollte der bedeutende Sozialwissenschaftler Max Weber die deutsche Delegation nach Versailles begleiten. Er hatte sich seit Kriegsende mit Artikeln in der Frankfurter Zeitung unermüdlich für Demokratisierung, aber gegen sozialistische Illusionen und pazifistische Utopien eingesetzt.

 

In seinem ersten Aufsatz zum Thema Kriegsschuld vom 17. Januar 1919  verurteilte Weber die "Erbärmlichkeit" des Kriegsschuldgeredes, das ein anti-national eingestelltes "Literatenvolk" veröffentlichte. Er warb in Wahlreden für die neu gegründete Deutsche Demokratische Partei.

Als Weber in Versailles merkte, daß es nicht um einen gerechten Frieden ging, verließ er die Delegation und verfasste zusammen mit anderen Professoren die regierungsoffizielle Zurückweisung der alliierten Kriegsschuldbehauptungen zum Ersten Weltkrieg.

 

Versailler Vertrag

 

Fünf Jahre nach Sarajewo, am 28. Juni 1919, begann nachmittags Punkt drei Uhr im Spiegelsaal zu Versailles die Zeremonie der Unterzeichnung des fertigen Vertrages. Gemäß Artikel 231, der sogenannten „Kriegsschuldklausel", mußte Deutschland die volle Verantwortung für den  Krieg und sämtliche dadurch verursachten Schaden übernehmen. In Artikel 227 wurde der Kaiser zum Kriegsverbrecher erklärt, der "zum Zwecke seiner Aburteilung" festzunehmen  sei. Nach der Annahme der Bedingungen der alliierten und assoziierten Mächte durch die Deutschen, forderte Clemenceau die deutschen Bevollmächtigten auf, das Friedensdokument zu unterzeichnen, der Friede sei geschlossen. Er bat die Delegierten, zu warten, bis die deutschen Bevollmächtigten sich entfernt hätten.

Dem historischen Ereignis angemessen, hatte die englische Großloge alle Großmeister und Großsekretäre der englischsprechenden Länder vom 23. bis 29. Juni 1919 nach London zur Siegesfeier eingeladen. Die Vorbereitungen dafür hatten gleich nach dem Waffenstillstand begonnen. Unter den 8.000 Freimaurern waren mehr als 500 Gesandte aus Übersee gekommen. Der englische Pro-Großmeister  Lord Arthur Olivjer verwies in seiner Rede  auf die von den Freimaurern mitgestaltete weltgeschichtliche Epoche zwischen französischer Revolution, dem Abschluß des Völkerbundes und der weltweiten Mission der Freimauerer. Der Großmeister Sir Thomas Halsey  drückte seinen Stolz auf die "Zugehörigkeit zur angelsächsischen Rasse" aus und der Großmeister von New York stimmte zu, dass „die Grundprinzipien der anglo-sächsischen Zivilisation in den freimaurerischen Prinzipien ihren Ausdruck fanden“.

Henry White, einer der fünf Angehörigen der offiziellen US-Delegation, war von seinem Land tief enttäuscht: „Wir hatten dermaßen hohe Erwartungen mit diesem Abenteuer verbunden und gemeint, Gott habe uns gerufen, und nun verrichten wir die Drecksarbeit des Teufels.“

Am selben Tag, dem 28. Juni, schrieb die Regierung der neuen tschechoslowakischen Republik den Führern Jugoslawiens ein Telegramm, in dem sie diese zum Jahrestag des Doppelmordes von Sarajewo beglückwünschte. Man hoffe auf „ähnliche Heldentaten in der Zukunft"

 

Warum haben die Deutschen den Versailler Vertrag unterzeichnet?

 

Die Unterschrift wurde erpresst, denn bei einer Weigerung wäre Deutschland besetzt worden. Da sämtliche Handelsschiffe und sogar die Fischerboote in der Ostsee beschlagnahmt worden waren, konnte außerdem die Bevölkerung nicht mehr ernährt werden. Die Bitte um Genehmigung zum Kauf von 2,5 Millionen Tonnen Lebensmitteln war abgelehnt worden, und vom 11. November 1914 bis zum Ende der Versailler Friedenskonferenz war die Blockade aufrechterhalten worden.

Mit Genugtuung erklärte Churchill  im Unterhaus: „Wir erzwingen die Blockade rigoros, und Deutschland steht am Rande einer Hungersnot.“ Fünf Tage darauf schrieb die "Daily News": „Die Geburtenrate in den großen [deutschen] Stadten liegt nun deutlich unter der Sterberate. Man kann fast mit Sicherheit davon ausgehen, daß die direkten Auswirkungen des Krieges unter der Zivilbevölkerung mehr Opfer gefordert haben, als auf dem Schlachtfeld gefallen sind.“

Die Not  war dermaßen groß, daß der britische Befehlshaber im Rheinland, General Herbert Plumer, am 10. März 1919 öffentlich die Verteilung von Lebensmitteln an die Bevölkerung forderte, weil der Anblick hungernder Kinder die Moral seiner Truppen untergrabe (Plumers Brief wurde während der Friedensverhandlungen in Paris vorgelesen): Seine Truppen, führte der General aus, konnten den Anblick der „Scharen von abgemagerten oder aufgedunsenen Kindern" nicht mehr ertragen, die die Abfälle aus den britischen Truppenunterkünften auflesen.

Der sozialdemokratische Vorwärts, das in-offizielle Sprachrohr Berlins, bezeichnete das Versailler Abkommen als "einen Fetzen Papier" und meinte, erzwungene Vertrage seien nur solange gültig, wie man ihre Einhaltung mit Gewalt erzwingen könne. Das Blatt forderte die Deutschen auf, nicht zu verzweifeln, denn der Tag der nationalen Wiedergeburt werde früher oder später kommen.

Im Oktober 1920 äußerte sich Wladimir Iljitsch Lenin wie folgt zum Versailler Vertrag:

„Deutschland wurde ein Frieden aufgezwungen,

aber das war ein Frieden

von Wucherern und Würgern,

ein Frieden von Schlächtern,

denn Deutschland und Österreich wurden

ausgeplündert und zerstückelt.

Man nahm ihnen alle Existenzmittel,

ließ die Kinder hungern und sterben.

Das ist ein ungeheuerlicher Raubfriede.“

 

Noch 1943 geißelte der ehemalige US-Präsident (1929-1933) Herbert Hoover, nun  die nach dem Waffenstillstand gegen Deutschland verhängte "Lebensmittelblockade" als „brutale Tat des alliierten Militarismus“ und als sinnlose Bestrafung der Bevölkerung, „ein schwarzes Kapitel in der Menschheitsgeschichte.“

 

Folgen

 

Durch den diktierten Versailler Vertrag musste Deutschland Land abtreten und wurde dadurch zu einem nationalen Einheitsstaat. Fast alle fremden Volksteile waren unter die politische Hoheit der Staaten gelangt, zu deren völkischer Majorität sie gehörten. Die alte Hansestadt Danzig, die seit Jahrhunderten zu Deutschland gehörte, wurde zur „Freien Stadt" erklärt und der Verwaltung des Völkerbundes unterstellt. Ostpreußen wurde durch den „polnischen Korridor" von Deutschland abgetrennt, wodurch eine Million Deutsche unter polnische Herrschaft gerieten.

Der Versailler Vertrag raubte Deutschland ein Zehntel seiner Bevölkerung und ein Achtel seines Staatsgebiets.

 

Deutschlands Kolonialreich, das drittgrößte der Welt, ging vollständig verloren. Aller Privatbesitz der Bewohner der deutschen Schutzgebiete wurde für verwirkt erklärt. Der deutsche Kolonialbesitz in Afrika wurde unter Südafrika, Großbritannien und Frankreich aufgeteilt. Fünf Sechstel der industrialisierten Zonen sowie fast alle Bergwerke Schlesiens wurden  dem neu gegründeten polnischen Staat zugesprochen.

Die deutschen Flüsse wurden internationalisiert, und Deutschland mußte seine Märkte für Importe aus den Siegerstaaten öffnen, während ihm selbst der Zugang zu den Märkten dieser Länder versperrt blieb. Frankreich bekam das Recht zu einer 15jährigen Besetzung des Rheinlandes. Beide Rheinufer sollten dauerhaft entmilitarisiert werden. Der deutsche Generalstab wurde für aufgelöst erklärt und die Stärke der deutschen Landstreitkräfte  auf einhunderttausend Mann begrenzt. Deutschland sollte seinen Feinden für immer wehrlos ausgeliefert sein.

In der jungen Tschecho-Slowakei tobte sich die Freude an der neuen Staatsherrlichkeit in rohen Ausschreitungen gegen die Juden aus, während die kaum errungene polnische Freiheit  sofort mit dem Blut verdunkelt wurde, „das in den Lemberger und sonstigen politischen Raub- und Mordpogromen floß“. Der 22. Mai 1919 wurde daraufhin  in New York als "Trauertag" begangen.

 

Jüdische Stimmen

 

Schon am Anfang des Krieges hatte  der englisch-jüdische Autor Israel Zangwill seine Stimme gegen den Völkerwahnsinn erhoben. „Wir Juden, deren nationaler Gruß "Shalom" (Frieden!) ist, können nur unser Haupt verhüllen, wenn wir sehen, daß die größten Vertreter der Christenheit die einzige Gelegenheit versäumten, den Frieden auf ein dauerhaftes Fundament zu stellen. Statt dessen haben „sie die Politik des "K.O.-Schlags " fortgesetzt, und der Hunger, die Pest, das Gemetzel und die Anarchie nehmen ihren Fortgang und Dimensionen an, die in den dunkelsten Zeiten der Menschheitsgeschichte unbekannt waren.“

In den verkündeten Friedensparagraphen sah er „nur die Drachenzähne, die in Europa die Saat für künftige Kriege ausstreuen werden“, und gestand ein, „daß selbst ein so großer Mann wie Präsident Wilson seine Feinde  in eine Friedensfalle (peace-trap) gelockt und seine eigenen vierzehn Punkte als einen "Fetzen Papier" behandelt hat.“ Nun sei es  Zeit, daß für das Volk Jesaias, aufzustehen und seine mahnenden Worte über die Erde erschallen zu lassen. 

 

Der Friede  von Versailles lastete mit dumpfer Bedrückung auf allen Nationen.

 

Joseph Landau sah fast jeden der "vierzehn" Punkte in sein Gegenteil verkehrt: „Aus dem Gerechtigkeitsfrieden wurde ein Gewalt- ein Vergewaltigungs-Unfrieden, dessen Gleichen die Weltgeschichte noch nicht gesehen hat. Ein Friede, der viele Kriege in seinem Schoße hegt.“ 

Hinter Revolution, Zusammenbruch und Versailles wurden von einigen jüdische Interessen vermutet. Daher kam es zu antisemitischen Angriffen. Die deutsch-jüdische Solidarität drohte zu zerbrechen. Nach den umfangreichen vaterländischen Opfern der deutschen Judenheit,  den gemeinsamen kameradschaftlichen Jahren im Schützengraben und der Last von Versailles mußte doch eigentlich jedem Zweifel an der Loyalität der jüdischen Mitbürger Böswilligkeit unterstellt werden!

War nicht beim Einzug der Franzosen in Straßburg der Rabbiner als einziger Geistlicher  der Empfangsfeier demonstrativ ferngeblieben?

Stimmte nicht ein jüdischer Minister für die Ablehnung der Friedensbedingungen?

Hat nicht jeder Tag Proben opferfreudiger Liebe der Juden zum deutschen Vaterland gebracht?

Und dennoch die tausendfach hinausgeschrienen Lügen von der jüdischen Schuld am Zusammenbruch!

 

„Wer uns vor dem Kriege gesagt hätte, daß Deutschland einmal zu einer Stätte der Pogromhetze nach den verruchtesten russischen Rezepten hinabsinken würde“, mußte Landau enttäuscht feststellen, „den hätte man ausgelacht oder für einen Tollhäusler gehalten.“ Minister Erzberger verurteilte in einem Interview mit dem Herausgeber der Jüdischen Pressezentrale Zürich die antisemitische Hetze auf das schärfste. Der Minister verwies auf  Kreise, die ein Interesse daran hatten, für die  Schuld ihres verwegenen Chauvinismus ein Ventil zu suchen, und sprach von einem System, welches zuerst auf die Juden, dann auf die Sozialisten und schließlich auf  die Katholiken hetze.

 

Bei den Gebietsabtretungen gab es schließlich noch einen "Kompromiss": Ein entmilitarisiertes linksrheinisches Ufer und ein  50-Kilometer-Streifen auf dem rechtsrheinischen Ufer.

Für 15 Jahre sollten Teile dieser Zone durch alliierte Truppen besetzt werden. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika verweigerten dem Diktat konsequenter Weise ihre Unterschrift und schlossen 1921 einen eigenen Friedensvertrag mit Deutschland. Die USA waren 1917 durch Banker und Rüstungsindustrielle – die Kaufleute des Todes – in den Krieg getrickst worden - das können Sie im US-Kongress nachlesen.

Der Weg in den Krieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn wurde bereits 30 Jahre zuvor gebahnt. Kronprinz Edward – der spätere König Edward VII. - verfolgte mit seinen Freunden aus dem Umfeld von Cecil Rhodes einen „Neuen Kurs“. Die von seiner Mutter – der Queen Victoria – gepflegte Freundschaft zu Deutschland und Österreich-Ungarn sollte ins Gegenteil verkehrt und die alte Feindschaft zum imperialen Konkurrenten Frankreich in eine Freundschaft verwandelt werden.

 

Das ahnungslose Deutschland wurde zum neuen Erzfeind.

 

Historische Phasen und ihre Ursachen müssen im geschichtlichen Zusammenhang gesehen und interdisziplinär erforscht werden, wenn man zu einer fundierten Bewertung kommen will. Das ist aufwendig und verlangt, bequeme Denkparkplätze gelegentlich zu verlassen. Manchmal liest man schon abenteuerliche Bewertungen! So äußert sich der Soziologe und erprobte Zukunftsarchitekt Harald Welzer in seinem neuen Buch „Alles könnte anders sein“ – so der Klappentext – über den Ersten Weltkrieg wie folgt: „Der Erste Weltkrieg wurde von jenen Gesellschaften entfesselt, die als erste einem fossilen Engergieregime folgten – Deutschland, Frankreich, England.“ Aha! Die fossilen Energieträger sind an allem schuld! Das lenkt ja wunderbar von den tieferen Ursachen ab!

Inzwischen allerdings haben „Postmodernisten“ damit begonnen, einige Unstimmigkeiten zu korrigieren, und allmählich zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab. Die Zuverlässigkeit des mit den heutigen Methoden generierten Wissens wird zunehmend infrage gestellt, besonders wenn es um die Vergangenheit oder die Zukunft geht. Dem modernen Intellektuellen mit seinem fragmentierten Detailwissen wird demnach kein Überblick über den Gesamtzusammenhang mehr zugetraut. Der Oxfordprofessor, philosophische Essayist und ehemalige Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb spricht in Bezug auf die Deutung der Geschichte von der „Illusion, gegenwärtige Ereignisse zu verstehen“, der „retrospektiven Verzerrung historischer Ereignisse“ und der „Überbewertung der intellektuellen Elite“.

Seiner Meinung nach kommt es zu einer „global stattfindenden Rebellion“ gegen die von Intellektuellen-Idioten geprägte Pseudorationalität: „Der Intellektuellen-Idiot ist ein Geschöpf der Moderne ... Er erklärt andere für krank oder ungebildet, weil sie Dinge sagen und tun, die er nicht versteht. ... der Intellektuellen-Idiot irrte sich im Laufe der Geschichte regelmäßig: Beim Marxismus, Stalinismus, Maoismus, Sozialismus, , bei der Städteplanung, der linearen Regression, der Gauss’schen Verteilung, dem selbstsüchtigen Gen u. Ähnliche, aber er ist sich seiner derzeitigen Sicht der Dinge gewiss und weiß immer, wie sich sein Handeln positiv auf seine Reputation und zu seinem Vorteil wirkt. Wer will es den Menschen verdenken, wenn sie nicht mehr auf diese Politnarren hören.“

Um geschichtliche Ereignisse, besonders Kriege, zu verstehen, ist es zunächst wichtig, die Interessenlage der beteiligten Akteure zu analysieren. Dabei sollte man der Spur des Geldes folgen! Deutschland als aufstrebende Handels- und Industriemacht war schon aus Gründen des freien Warenverkehrs nicht an einem Weltkrieg interessiert; sehr wohl aber das absteigende Empire. Der einzige Gewinner dieses Krieges jedoch waren letztlich die USA, oder präziser: die Wall Street.

In der Rolle von Deutschland 1914 sieht sich heute China. Und tatsächlich bereiten die Profiteure von Krieg und Zerstörung bereits den nächsten großen Krieg vor.

Dennoch dürfen wir uns nicht verängstigen lassen. Überall auf der Welt gibt es Gegenkräfte – hoffen wir, dass nach über 100 Jahren die Zerstörungskraft des imperialen Denkens endlich überwunden wird!