Die Sachsen sind nicht allein -
Jetzt machen die renitenten Schwaben mobil

von Markus Gärtner 

Wenn in Deutschland von Bürgern die Rede ist, die gegen politische Missstände aufbegehren, dann denken viele sofort an die Sachsen. Sie gelten als politisch besonders wachsam und sensibel gegenüber der Beschneidung ihrer bürgerlichen Rechte. In der friedlichen Revolution, die das DDR-Regime zum Einsturz brachte, waren sie das Epizentrum. Als im Herbst 2018 in Chemnitz ein 35jähriger Deutscher bei einer Messerattacke getötet wurde, versammelten sich viele Menschen zu spontanen Protesten gegen die unkontrollierte Migration. Sofort überschlugen sich die Mainstream-Medien mit Berichten über „Aufmärsche“, „Zusammenrottungen“ und angebliche „Hetzjagden.“ Die Sachsen wurden pauschal als rechter Mob diskreditiert, ein ganzes Bundesland unter Generalverdacht gestellt. Was bleibt, ist die Tatsache, dass die Menschen in der Region besonders feine Antennen dafür haben, wenn die politische Kaste ihre Freiheiten beschneidet und sie diffamiert.

Aber auch im Westen Deutschlands gibt es eine historisch nachweisbare Neigung zu Protesten, wenn schlecht regiert wird, wenn die Einkommensschere sich zu weit öffnet, oder sich die Regierenden zu weit vom Wahlvolk entfernen. Stuttgart, die Landeshauptstadt Baden-Württembergs, rückt seit Wochen mehr und mehr in den Mittelpunkt der Proteste, die von Kammer-Rebellen in den IHKs über Mieter-Demonstrationen und Merkel-weg-Märsche bis hin zu dem gegen die Kommerzialisierung ihres Sports aufbegehrenden Fußballvolk und den ersten Gelbwesten in Deutschland Schlagzeilen machen.

Stuttgart rückt in das Zentrum der Aufmerksamkeit

In Stuttgart fanden am vergangenen Wochenende gleich drei Kundgebungen gegen die Diesel-Fahrverbote statt, die seit Jahresbeginn gelten. Insgesamt 1.500 Menschen, darunter eine wachsende Zahl von Gelbwesten, zogen durch die Straßen der Landeshauptstadt, um gegen die Euro4-Fahrverbote zu protestieren. Weil der Grüne Verkehrsminister Winfried Hermann in den kommenden Jahren jedes dritte Auto aus Stuttgart verbannen will und viele Pendler, darunter Arbeiter der lokalen Autofabriken, aus dem günstigeren Umland in die teure Landesmetropole fahren müssen, skandierte die Menge immer wieder „Grüne weg“ und „Hermann weg.“ Der CDU wurde angekreidet, die hoch umstrittene Messstation am Neckartor, die bundesweit bekannt geworden ist, so zwischen Häusernischen, Straßenrand und Ampelanlage platziert zu haben, dass sie die denkbar höchste Luftbelastung misst.

Stuttgarter Bürger sind es auch, die derzeit dagegen aufbegehren, dass die „Friedensmesse“ des britischen Komponisten Karl Jenkins - in der während des Oratoriums ein Muezzin zum Gebet ruft - im lokalen Dom aufgeführt wird.

Widerstand hat Tradition

Ein kurzer Blick in die Geschichte Württembergs zeigt, dass hier, wie in Sachsen, das Aufbegehren gegen die Obrigkeit eine Tradition hat. Das zeigen vor allem zwei vielsagende Beispiele.

Eines lässt sich im württembergischen Rudersberg in der Mitte des Dreiecks Backnang, Waiblingen, Schwäbisch-Gmünd finden. Dort drangen in der närrischen Zeit 2018 Mitglieder der »Carnevalsfreunde Württemberg« (Motto: »furchtlos und treu«) zusammen mit den »Schella-Hexa« in das kommunale Verwaltungsgebäude ein. Ihre mitgeführte Maskengruppe hieß „Armer Konrad.“ Die Namensgebung war freilich kein närrischer Spaß, sondern historischer Ernst.


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Sie lehnte sich an die erste Revolution in Württemberg 1514 an. Einer der Anführer des damaligen Bauernaufstands war der Remstalrebell Peter Gais, ein Tagelöhner, der lokale Bauern und Handwerker zur Rebellion gegen den verhassten Herzog Ulrich mobilisierte. Den Bauern waren zu diesem Zeitpunkt mehrere Ernten und viele Einnahmen ausgefallen, weil sie auf Anordnung des Herzogs die Schweine nicht mehr zur Eichelmast in den Wald treiben und Wildschweine nicht aus ihren Feldern verscheuchen durften. Die ausgefallenen Ernten führten zu weit verbreitetem Hunger. Doch der in obszönem Luxus schwelgende Herzog musste seine Schulden drosseln und hatte zu diesem Zweck gerade eine neue Steuer eingeführt. Er machte die offiziellen Gewichte 30 Prozent leichter (laut manchen Quellen zehn Prozent). Im selben prozentualen Umfang wurde Fleisch auf einen Schlag teurer.

Ein "Verdorbener, übelredender Aufrührer"

Peter Gais, damals überall als »Gaispeter« bekannt und heute bis auf ein Denkmal vor dem Rathaus von Beutelsbach im Rems-Murr-Kreis fast völlig vergessen, ging in der Nacht auf den nahe gelegenen Kappelberg und läutete in der Nikolauskapelle zum Sturm. Hunderte von Menschen zogen mit Speeren und Mistgabeln bewaffnet ins nahe Schorndorf, um der Obrigkeit die Stirn zu bieten. Einen Sommer lang wurde das Herzogtum vom Protest erschüttert. Doch am Ende unterdrückte der Herzog die Revolte. Er ließ die Anführer foltern und mehr als ein Dutzend von ihnen enthaupten. Ihre Köpfe wurden zur Abschreckung auf Spießen ausgestellt. Rund 1.700 Teilnehmer des Aufstands mussten Abbitte leisten. Einigen von ihnen wurden mit glühenden Eisen die Hirschstangen des Wappens von Württemberg auf die Stirn gebrannt.

Ein Chronist stempelte Peter Gais später mit der Sichtweise des Herzogs pauschal und respektlos genau auf dieselbe Weise ab, wie es heute Journalisten in den Mainstream-Medien mit Merkel-Kritikern, Pegida-Marschierern, AfD-Abgeordneten und den Organisatoren der Frauenmärsche machen. Gais war laut der zeitgenössischen Propaganda (und in der damaligen Sprache) »ein unnüzer, verdorbner, überhausender Tropf, der .... ein übelredende, böse, ufrürische Zungen im Maul gehabt.«

Der Remstal-Rebell Helmut Palmer

Immer wieder taten sich im Schwäbischen einzelne Rebellen hervor, die gegen Behördenwillkür, Bevormundung durch den Staat und Korruption mutig zu Felde zogen. Ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte ist der »Remstal-Rebell« Helmut Palmer, der Vater des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer.


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Der alte Palmer, ein fanatischer Obstbaumkundler und militanter Nonkonformist, machte mit seiner Teilnahme an über 250 Bürgermeisterwahlen in Baden-Württemberg gegen alles mobil, was ihn störte: von unnützen Verkehrsschildern über faule Beamte bis hin zur Atomkraft und korrupten Richtern.

In Schwäbisch Hall hätte er es mit 40,1 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang fast geschafft, Bürgermeister zu werden. Doch dann begann in den Medien eine Hetzkampagne gegen den Rebellen, dem nach seinem Tod das Bühnenstück »Palmer – Zur Liebe verdammt fürs Schwabenland« gewidmet wurde.

Der Kampf der Medien gegen den alten Palmer

Cholerische Auftritte, Beleidigungen und Handgreiflichkeiten brachten Palmer mehr als 70 Gerichtsverfahren und insgesamt mehr als ein Jahr seines Lebens im Gefängnis ein. Für seine Anhänger war er ein Ausbund an Zivilcourage, ein Freiheitskämpfer und Bürgerrechtler. Für die anderen war er ein unverbesserlicher, starrköpfiger »Bruddler« und Querulant, der für mehr Bürgernähe und weniger Parteienherrschaft kämpfte. Oft riss ihm der Geduldsfaden: einen Gerichtsbeamten konfrontierte er einmal mit der Frage, welche Nazi-Muttermilch er wohl getrunken habe. Über CDU und SPD schimpfte er, Schwarz oder Rot zu wählen sei wie ein Rheumakranker, der sich von einer auf die andere Seite wälze.

Medien bezeichnen Helmut Palmer gelegentlich als »Wiedergänger von Michael Kohlhaas und Götz von Berlichingen.« Heute schreiben Zeitungen zu irgendwelchen Jahrestagen regelmäßig Lobeshymnen über den »Vater aller Wutbürger.« Doch damals, zu seinen Lebzeiten, so der Palmer-Biograf Jan Knauer, der das Lebenswerk des Rebellen in einer Dissertation und in einem Buch aufarbeitete, sah das anders aus. Da wurde gegen den Wutbürger Palmer kräftig angeschrieben:

»Die Redakteure der Lokal- und Regionalzeitungen machten es dem Wahlkämpfer Palmer sehr häufig nicht leicht. Neben vielen negativen Bewertungen seines Wirkens und seiner Person räumten sie oftmals Palmer schon von vornherein keine Siegchancen ein oder stellten ihn als nicht ernsthaften Kandidaten vor. Die Unterwürfigkeit der Lokalpresse gegenüber dem Amtsinhaber kam manches Mal erschwerend hinzu.«

Das erinnert sehr an heute, daran, wie unterwürfig viele Zeitungen über Angela Merkel schreiben und wie sich die linke Elite in Politik und Medien gegenüber der AfD verhält. Stets schwingt dabei in den Mainstream-Medien die Befürchtung mit, die Wahrheit könne am Ende den »Falschen« helfen.

Erstaunliche Parallelen

So zitiert Knauer in seiner Dissertation über Helmut Palmer einen Redakteur der Stuttgarter Zeitung. Dieser schrieb über den Rebellen nach dessen erfolgreichem ersten Wahlgang in Vaihingen, wo Palmer in der Wählergunst auf Platz 2 landete: er »mobilisierte mit seiner lautstarken Behördenschelte die Unzufriedenen, die ihren Behördenverdruß nicht nur mit frischem Wind, sondern mit einem Gewittersturm im Rathaus vertreiben möchten.«

Das klingt ganz wie heute: wenn es der AfD oder allgemein den Kritikern von Angela Merkel Aufwind verleihen könnte, wird oft lieber nicht berichtet. Interessant an der wissenschaftlichen Analyse von Palmer-Biograf Jan Knauer sind auch die Parallelen, die der Autor zwischen den 70er Jahren und heute sieht:

»Ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre nahm das Misstrauen gegen die etablierten Politikakteure zu und ging einher mit dem Aufschwung von Bürgerinitiativen und Protestbewegungen.« Es sei eine Zeit gewesen, in der »der Frust über die Mächtigen, die Politiker, wuchs.« Ein kurzer Ausflug ins Internet beweist zuverlässig, wie sehr das auch in unseren Tagen zutrifft.