Die Wende der Notenbanken

Die Geldpolitik rund um den Globus
wird schamlos politisiert

von Markus Gärtner

 

Der Juli 2019 hat einen Hitzerekord gebracht, aber auch eine Entwicklung, die für uns viel wichtiger ist als die Ausschläge auf dem Thermometer: Die Notenbanken leiten ein halbes Jahr nachdem sich Anleger und Investoren ernsthaft Sorgen über steigende Zinsen gemacht haben, die Kehrtwende in der Geldpolitik ein. Sie beginnen, die Leitzinsen wieder nach unten zu schleusen.

Die Fed hat vor wenigen Tagen den Leitzins um 25 Basispunkte gesenkt. Die EZB signalisierte Ende Juli durch Mario Draghi, im September nachzuziehen. Die EZB fürchtet ein Dreigestirn aus flauer Weltwirtschaft, enttäuschenden BIP-Daten in der Eurozone und den wachsenden Handelskonflikt im Dreieck USA, China und EU. Die Notenbanken in den USA, China, Indien und Japan geraten zudem politisch unter Druck, die Zügel zu lockern.

In Deutschland signalisieren die Indikatoren ein erhöhtes Rezessionsrisiko, während sich Nachrichten über Massenentlassungen, Insolvenzen und Hiobsbotschaften aus der Autobranche und ihren Zulieferern, aber auch im Maschinenbau, mehren. Der Sachverständigenrat hat bereits im März seine BIP-Prognose für 2019 um beinahe die Hälfte auf 0,8 Prozent gesenkt.

Die überschuldete Welt kann sich keine höheren Zinsen leisten

Es bestätigt sich jetzt einmal mehr, dass sich - wie der Unternehmensberater, Kolumnist und Bestsellerautor Daniel Stelter es formuliert - die überschuldete Welt keine höheren Zinsen leisten kann. Die anhaltenden Niedrigzinsen verschärfen jedoch die Risiken und den zu erwartenden Schaden, wenn die nahende Rezession uns die nächste Finanzkrise beschert.

Der bislang erfolglose Kampf für mehr Inflation, die die immensen Staatsschulden schleichend abbauen würde, hat jedoch verheerende Folgen, vor allem für Sparer und Banken. Der Bankenexperte Markus Krall rechnet schon für 2020 mit einer schweren Bankenkrise, weil schwindende Zinseinnahmen die Erträge der Banken aufzehren.


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Die Notenbanken sind in dieser Situation der Ausputzer für eine politische Kaste, die sich um Reformen drückt und immer mehr Schulden aufnimmt, weil sie das Sparen verlernt hat. Darunter leiden Sparer, denen wegen manipulierter Zinsen dreistellige Milliardenbeträge allein in Deutschland entgehen und die für ihre Rente weniger zurücklegen können. Die Preise von Wertanlagen werden zudem krass verfälscht und das Risiko einer abrupten Korrektur an den Börsen in die Höhe getrieben. Schwache Firmen lassen sich durch das billige Geld zu Investitionen verleiten, die sie bei Marktzinsen nie tätigen würden. Die dringend nötige Bereinigung im Markt mit seinen extremen Bewertungen wird außerdem verzögert.

Die EZB schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe

Die EZB schlägt mit ihrer Geldpolitik zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie kann schwache Volkswirtschaften im Süden des Kontinents trotz hoher Verschuldung einigermaßen stabilisieren. Und sie schwächt den Euro, um Zeit zu kaufen. Doch jetzt beginnt möglicherweise die nächste Runde im Währungskrieg. China hat gerade den Renminbi auf den niedrigsten Kurs seit der Finanzkrise geschleust.

Während die Notenbanken bisher keinen Erfolg damit haben, aus dem zusätzlich geschöpften Zentralbankgeld auch ein ausreichendes Kreditwachstum zu schaffen, müssen sich Investoren fragen, wie sie sich gegen die zunehmende Volatilität an den Finanzmärkten absichern können.

Die Sparer fallen immer weiter hinten runter

Wir werden als Sparer und Anleger jedoch einen zähen Test unserer Geduld erleben. Die Notenbanken werden von ihrer lockeren Geldpolitik so schnell nicht ablassen. Und dafür werden sie zunehmend politisiert. In Asien und in den USA sind die Zentralbanken von den jeweiligen Regierungen bereits stark unter Druck gesetzt worden. Donald Trump greift Fed-Chef Powell seit Monaten regelmäßig an, weil er eine starke Lockerung der Geldpolitik will. Die Effekte von Trumps Steuererleichterungen haben sich weitgehend verbraucht. Und der Handelsstreit mit China sowie die einbrechende Weltkonjunktur könnten Trump bei der Präsidentenwahl 2020 schaden.

In Europa sieht die Politisierung so aus: An der Spitze der EZB wird in weniger als drei Monaten die ehemalige Finanzministerin Frankreichs, Christine Lagarde, das Ruder übernehmen. Als ihr Vizepräsident fungiert seit dem Juni 2018 der frühere spanische Wirtschaftsminister Luis de Guindos. Mit dieser Personalpolitik an der Spitze der EZB sollen fiskalische Erwägungen mehr Raum bekommen. Die Folge: Staatliche Geldsäckel und ihre Zinskosten werden noch mehr Beachtung finden als bisher. Die Sparer werden dafür noch weiter hinten runterfallen. Durch negative Zinsen. Durch Geldentwertung. Und durch die kommende Finanzkrise.