bedingungsloses grundeinkommen


Die große Verwöhnung

Bedingungsloses Grundeinkommen in der digitalisierten Welt

von Florian Josef Hoffmann



Wir sind die verwöhnteste Generation aller Zeiten. Zu keiner Zeit stand der Menschheit so viel Nahrung zur Verfügung, soviel Energie, so viel Wissenschaft, so viele Flugzeuge und Autos, so viele Smartphones, so viel künstliche Befruchtungen und Abtreibungen und so viele Hotels und Fußballstadien wie heute – allerdings hapert es ein wenig mit der Gerechtigkeit der Verteilung dieser Güter – von der Moral und der Verantwortung für kommende Generationen ganz zu schweigen.

Als nach dem Mittelalter und der Renaissance im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert die ersten Schritte der großen Verwöhnung der Menschheit einsetzten, ersann ein gewisser Karl Marx die Idee einer neuen Verteilungsgerechtigkeit, indem er die Produktion verstaatlichte, um aus den Staatsbetrieben heraus die Produkte nach Plan in der Bevölkerung gerecht zu verteilen. Fehlanzeige, wie wir wissen.

Wohl sehr viel schlauer gewesen war ein gewisser Adam Smith, der einhundert Jahre zuvor die Freiheit der Märkte als Wohlstandsfaktor entdeckte. Noch heute erklären seine Gläubigen, dass der Markt das Problem der Verteilungsgerechtigkeit am besten löst. „Durch Freiheit zum Wohlstand“ ist deren Devise.

Fast völlig in Vergessenheit geraten ist der Dritte im Bunde, ein gewisser Friedrich List aus Reutlingen, für den der Wohlstand der Quelle der Freiheit war, den er – schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts – durch die technische und soziale Revolution zu erlangen vorhersah. Genau er sollte als Vordenker einer sozialen Marktwirtschaft für den langen Zeitraum von 150 Jahren Recht behalten, einer besonderen Marktwirtschaft, die sich in der Tat schon seit Mitte/Ende der Kaiserzeit durch eine neue Gerechtigkeit bei der Verteilung der Einkommen das Adjektiv „sozial“ ansatzweise verdient hat. Das Instrument waren damals wie heute Tarifverträge zwischen den Kartellen der Arbeitnehmer (Gewerkschaften) und den Kartellen der Arbeitgeber (Arbeitgeberverbände).

Aber die große Verwöhnung in Gerechtigkeit stagniert heute irgendwie. Neue Phänomene erobern den Alltag, im Großen sichtbar an der Öffnung der Einkommensschere. Wir erleben das Ende einer erfolgreich ausgeübten Einkommensgerechtigkeit und beobachten eine wachsende Zahl von Arbeitslosen und Pet-Flaschen-Sammlern auf unseren Straßen, die sich, verstohlen umblickend, den öffentlichen Abfallkübeln nähern. Und das bei ungebremst wachsendem Bruttosozialprodukt, also eigentlich ungebremster Verwöhnung.


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Ein gewisser Richard David Precht, seines Zeichens beliebter und eloquenter Fernsehphilosoph, brilliert neuerdings und immer wieder mit der punktgenauen Beschreibungen dieses ökonomischen Phänomens, um dann als Lösung für die Zukunft das sogenannte Bedingungslose Grundeinkommen anzubieten.

Richard David Precht:

„Wenn Maschinen und Rechner uns die Arbeit wegnehmen, dann muss es Einkommen ohne Arbeit geben.“

So simpel seine Begründung ist, so falsch ist sie. Was der Hobby-Ökonom übersieht, ist die Tatsache, dass das Geldeinkommen ein Produkt der Wertschöpfung auf den Märkten ist. Nur dort entsteht durch Güterknappheit der Mehrwert in Geld, das hinterher verteilt werden kann. Wenn aber die Wertschöpfung mangels Knappheit – also wegen des Überflusses – entfällt und es dadurch keine Arbeit mehr gibt, dann entsteht eben dieser Mehrwert nicht, dann gibt es keine Wertschöpfung, dann gibt es kein Geld mehr, das man transferieren könnte. Dann hat Precht ein Problem.

Aber, wer ist es, der uns heute so mit Überfluss verwöhnt, dass wir nichts mehr zu tun haben? Ganz einfach: Es sind die großen Kinder der Digitalisierung, Google, Wikipedia, Facebook, Amazon und Co, also die Kostenlos-Wirtschaft, die vorne die Märkte zerstört und hinten an unserem Verhalten und der neuen Transparenz unseres Verhaltens verdient. In einem früheren Aufsatz habe ich sie als „den neuen Sozialismus“ und „Kostenlos 4.0“ bezeichnet.

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Und das ist geschehen: Milliarden von Bildschirmen mit Zugang zum World Wide Web ersetzen rund um die Uhr die Zeitungsseiten, die großen, sorgsam dekorierten Schaufenster, die Zwischenlager des Großhandels, den Stammplatz in der Kneipe, das Bücherregal samt Inhalt, und zu Hunderttausenden Personal in den Redaktionen, zu Hunderttausenden im Einzelhandel und ebenso viele bei den Zwischentransporteuren und -händlern, in den Küchen und an den Theken. Am Ende sind es Millionen qualifizierte, die sich, wenn es gut geht, mit Turnschuh- oder Fahrradjobs über Wasser halten – bis auch das nicht mehr geht. Wie soll man da auch eine Familie ernähren?

Wir sind die verwöhnteste Generation aller Zeiten. Wir haben ganz vieles im Überfluss, wir haben uns selbst überflüssig gemacht. Zugleich ist alle Welt auf uns neidisch, überrennt uns hier in Europa gar bald eine ganze Generation von Afrikanern und macht unsere Probleme dadurch noch unbeherrschbarer, unüberwindlicher.

Und dann kommt im Jahr 2017 eine EU-Kommission und bestraft Google wegen angeblichem Missbrauch von Marktmacht, weil es seine (kostenlose) Plattform für Preisvergleiche bei der Google-Suche bevorzugt hat und seine (ebenfalls kostenlosen) Wettbewerber benachteiligt hat, mit einer Buße von 2,42 Milliarden Euro. In diesen Tagen toppt die EU-Kommission ihre damalige Entscheidung und verhängt noch mal eine Buße von 5,4 Milliarden Euro dafür, dass Google sein Betriebssystem Android so strickt, dass Suchanfragen über Google gehen.


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Das verstehe, wer mag...

Der Monopolist Google hat doch nur ganz legitim seine Eigentumsrechte genutzt, hat das ihm gehörende Betriebssystem zu seinem eigenen Vorteil programmiert, genau so wie es zuvor in seinem eigenen Schaufenster (Bildschirm) regelmäßig seine eigenen Angebote nach vorne gestellt hat, was weltweit jeder andere Anbieter in seinem eigenen Schaufenster auch tut. Amazon sowieso. Mit Wettbewerb hat das Kostenlos-Angebotsmonopol hinter der winzigen Google-Suchmaske doch sowieso schon lange nichts mehr zu tun, weil es bei Kostenlos-Angeboten naturgemäß keinen Markt geben kann. „Kostenlos“ und „Markt“ schließen sich aus, d. h. die Kommission versucht die Existenz von Märkten dort zu erzwingen, wo es gar nicht geht.

Welches Problem lösen die Google-Milliarden-Kartellbußen also, die den irrsinnigen Gegenwert von 200.000 Mittelklasse-Neuwagen darstellen? Keines.

P.S.: Weitere Artikel zu diesen und anderen Themen von mir und meinen Kollegen Thilo Sarrazin, Vera Lengsfeld, Ulrich Horstmann, Willy Wimmer, Gunnar Heinsohn, Ernst Wolff, Daniele Ganser und vielen anderen finden Sie in Der Privatinvestor Politik Spezial.


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Sehr geehrte Leser,

auf meinen Vortragsreisen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie gelegentlich im nicht deutschsprachigen Ausland verspüre ich immer wieder ein großes Bedürfnis nach authentischer InformationViele Bürger ahnen, dass die Informationsstandards verfallen. Aber so richtig bekommen wir den Virus der Desinformation nicht zu fassen.

Wir leben in einer Zeit, in der alles verhandelbar, parteiisch und nichts sicher ist.

Wem kann man noch trauen? Kann ich mich noch darauf verlassen, dass das Finanzprodukt, das mir empfohlen wird, wirklich sicher ist? (Heute wissen wir: auf keinen Fall!) Kann ich darauf zählen, dass in der Schule noch eine anständige Ausbildung meiner Kinder erfolgt? Nicht unbedingt, und daher haben Privatschulen starken Zulauf. Haben wir nicht längst eine Zweiklassenmedizin? Zu welchem Arzt soll ich gehen? Rankings und Hitlisten nehmen überhand – und sind gerade deswegen ein Symptom für die allgemeine Orientierungslosigkeit.

Solche Desinformation zersetzt unsere Gesellschaft. Sie nutzt vor allem den Kadern in Großunternehmen, Banken, Parteien und Interessenverbänden. Bürgerinnen und Bürger werden in einen neuen Kampf ums Dasein geschickt, indem man ihnen die Informationsbasis entzieht. So werden sie leichter steuerbar. 


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