Buchbesprechung -

Ein neues Rezept für ein gepeinigtes
und irregeleitetes Europa

von Markus Gärtner

 

Das ist Europa im Jahr 2019: Masseneinwanderung, Werteverfall, Gender Mainstreaming, Radikalisierung, Parallelgesellschaften, Parteienkartelle, gesellschaftliche Polarisierung und Schuldenberge.

Haben wir noch etwas vergessen? Sicher! Eingeschränkte Meinungsfreiheit und Sprechverbote zum Beispiel. Oder die schleichende Auflösung der Nationalstaaten und die seit einem Jahrzehnt betriebene Enteignung der Sparer. Von der in diesen Tagen stark beschleunigten Auflösung der Parteienlandschaften ganz zu schweigen.

Professor David Engels, der in Brüssel römische Geschichte lehrt und durch sein Buch „Auf dem Weg ins Imperium“ einem breiten Leserkreis politisch Interessierter bekannt geworden ist, hat jetzt bei Manuscriptum ein neues Werk herausgegeben, das sich „Renovatio Europae – Plädoyer für einen Hesperialistischen Neubau Europas“ nennt.

Das kleine, aber fundierte und nicht nur höchst aktuelle, sondern auch kritische Büchlein analysiert den inneren Zerfall eines kulturell, politisch und wirtschaftlich einst großen Kontinents.

Die Zustandsbeschreibung entspricht ziemlich genau der Aufzählung zu Beginn dieses Textes.

Eine kritische Diagnose

Die neun Autoren dieses Buches - darunter die Historikerin und Philosophin Chantal Delsol, der Fondsmanager und Publizist Max Otte, der ehemalige Vorsitzende des Hayek-Instituts Alvino-Mario Fantini sowie die Publizistin Birgit Kelle und der Oxford-Professor Jonathan Price – liefern hier nicht nur eine kritische Diagnose eines kranken , ideologisch missbrauchten Kontinents, sie zeigen auch zahlreiche Wege aus dessen Niedergang auf.

Was sie fordern ist, um es in den Worten von David Engels zu sagen, ein „gemäßigt konservativer Realismus, der verbinden statt polarisieren und versöhnen statt auseinanderdividieren will, trotzdem aber darauf beharrt, dass ohne eine dezidierte Verankerung des neuen Europas in seinen historischen Wurzeln alle Träume von einem universalistischen und humanistischen Weltstaat in den Abgrund der Oppression führen müssen.“

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Also keine „Vereinigten Staaten von Europa“ nach dem Rezept von Martin Schulz, die immer tiefer in einen bürokratischen, zum Gesinnungsterror neigenden Zentralstaat kulturell geschliffener ehemaliger Nationalstaaten führen, sondern ein Europa der Vaterländer, das seine historischen Werte bewahrt, seine kulturellen Eigenheiten schützt und sich dort enger verbindet, wo es durch eine Bündelung der Kräfte nach außen stärker wird.

Renovatio Europae ist laut Engels aus der gleichnamigen Forschungsinitiative am Instytut Zachodni in Poznan (Polen) hervorgegangen. Dort beschäftigten sich 2018 und 2019 internationale Expertengruppen mit nötigen Reformen für die Europäische Union.  

Zunächst bedarf es einer gemeinsamen Identität

Um den notwendigen gesellschaftlichen Zusammenhang herzustellen und den eigenverschuldeten Niedergang Europas zu stoppen, so argumentiert Engels, bedarf es einer gemeinsamen Identität. Es sei eine der Lehren der Migrationskrise gewesen, „dass eine solche Identität nicht auf rein humanistischen und universalistischen Werten gegründet werden kann, sondern einer tiefen Verankerung im kulturellen, historischen und spirituellen Unterbewußtsein einer seit Jahrhunderten geteilten Vergangenheit bedarf, also einer Verankerung in jenen Werten, welche meist als „konservativ“ bezeichnet werden.“

Die Konservativen Europas hätten angesichts grundloser Unterstellungen schon viel zu lange „in Schweigen verharrt.“

Andras Lanczi, der Rektor der Corvinus-Universität in Budapest und einer der wichtigsten ideologischen Vordenker der aktuellen ungarischen Regierung, beschreibt in seinem Beitrag ein ideologisch aufgeladenes Europa, in dem alle Übel „dem Nationalstaat zugeschrieben“ werden und „allen anderen Formen bürgerlicher Gemeinschaft, sei es Familie, Kirche, Kulturgruppen, Erziehungsgemeinschaften usw., welche freiwillig oder unfreiwillig den Nationalstaat gestützt haben und daher nunmehr kollektiv als verantwortlich für die schrecklichen Kriege, die Europa gekannt hat, betrachtet werden.“

Max Otte beschreibt in seinem Beitrag eine Globalisierung mit angelsächsischen Gesicht, in der Finanzkapitalismus und Neoliberalismus in den meisten Staaten „gesiegt haben.“ Dazu gehören eine skrupellose Erfolgsethik, der Vorrang des privaten vor dem öffentlichen Recht und die absolute Dominanz des Privatbesitzes.

Europas Version des Kapitalismus sei vor dieser Machtübernahme des Rabaukenkapitalismus von einer Ethik der Verantwortung anstatt des Erfolgs, Eigentum mit einhergehender sozialer Verantwortung sowie einer Kultur der Solidarität gekennzeichnet gewesen. Nun sei es „Zeit für Kontinental- und Mitteleuropa, seine eigenen Traditionen wiederzuentdecken und ein wettbewerbsfähiges und zugleich soziales Modell für unsere Zukunft zu schaffen.“

In ihrem Aufsatz über „Die Europäische Familie zwischen Avantgarde und Tradition“ beschreibt Kelle eine EU-Politik, die sich immer wieder mit familien- und frauenpolitischen Themen befaßt und versucht unter dem Deckmantel von Arbeitnehmerrechten oder auch unter dem Label der »Gleichstellungspolitik«, »Geschlechtergerechtigkeit« und »Antidiskriminierung« Einfluss auf nationale Zuständigkeiten zu nehmen.“

Dabei werde versucht, gesellschaftspolitisch „eine Homogenität an Meinungen und gesellschaftlichen Standards herzustellen.“ Als Folge dürfe sich neuerdings jede absurde Wohngemeinschaft als Familie bezeichnen, „während die biologische Abstammung des Menschen nicht mehr zwingend als indiskutable , faktische Verwandtschaft gewertet wird.“

Eine erste Aufgabe wäre demzufolge „auf europäischer Ebene eine Klärung, wo es einheitliche Meinungen und Zielvorstellungen der Gesellschaftspolitik gibt und wie man sie faktisch umsetzen kann.“

Rückkehr zum Naturrecht, Wiederbelebung des christlichen Geistes, Einsetzung eines sozialverträglichen Wirtschaftsmodells ...

Welche Forderungen aus der Gesamtdiagnose der Autoren dieses Buches folgen, skizziert David Engels in seinem Ausblick „Die Rückkehr der Geschichte“ am Ende dieses Buches:

„Rückkehr zum Naturrecht, Wiederbelebung des christlichen Geistes, Einsetzung eines sozialverträglichen Wirtschaftsmodells, Durchsetzung der Subsidiarität mitsamt Schutz kleinteiliger, gewachsener Identitäten, Verteidigung der natürlichen Familie, Sicherung einer anspruchsvollen Migrationspolitik, Erneuerung unseres Sinnes für das Schöne – dies sind in wenigen Worten die programmatischen Grundpfeiler eines solchen neuen, »hesperialistischen« Europas, welches an die Stelle der Zersplitterung die Vereinigung setzen will, indem endlich wieder klar zwischen Regel und Ausnahme, Norm und Abweichung, Politik und Moral, innen und außen, Persönlichkeit und Individuum, Gemein- und Eigennutz, Idealismus und Rationalismus geschieden wird und demgemäß Kategorien bekräftigt werden, ohne welche alles in die Beliebigkeit von Subjektivismus und Relativismus zerfließen muss.“

Durch seine thematische Stringenz und übersichtliche Gliederung sowie die einzelnen Beiträge der verschiedenen Autoren lässt sich dieses Buch nicht nur gut lesen, es ist auch eine in dieser Dichte und Prägnanz wohl einzigartige Zusammenfassung  und Nabelschau dessen, was in Europa derzeit politisch, wirtschaftlich und kulturell in die falsche Richtung läuft und immer mehr Menschen von einer politischen Kaste entfremdet, die Moral über Gesetze setzt und mit Sprechverboten sowie wachsender Zensur ihre immer fragwürdigere Politik gegen den zunehmenden Widerstand Millionen enttäuschter Wähler, Bürger und Sparer durchpauken will.

 

David Engels, „Renovatio Europae - Für einen hesperialistischen Umbau Europas“

224 Seiten, gebunden

ISBN: 978-3-948075-00-2

https://www.manuscriptum.de/buecher/neuerscheinungen/renovatio-europae.html