“Der letzte Versuch des Establishments”:
Was wird aus Europa werden?

von Alastair Crooke

zuerst veröffentlicht im Blog der Strategic Culture Foundation
am 15. Februar 2019

 

Francis Fukuyamas Essay über "Das Ende der Geschichte", schreibt der in Hong Kong lebende Historiker Gavin Jacobson, wird in der Regel wie eine Rechtfertigung für den grassierenden Kapitalismus und die anglo-amerikanischen Interventionen im Nahen Osten verstanden.” Doch in seinem linken End-Staat findet sich wenig "Erlösung." Tatsächlich droht die Zukunft, wie Fukuyama schreibt, ein "Leben in herrenloser Sklaverei" zu werden, eine Welt bürgerlicher Verwesung und kultureller Trägheit, die von allen Eventualitäten und Komplikationen befreit ist.” Die letzten Menschen würden auf den Homo Öconomicus reduziert, “nur von den Ritualen des Konsums geleitet und von den belebenden Tugenden und heroischen Kräften, die die Geschichte vorwärts trieben, befreit".

Fukuyama warnte davor, dass die Menschen diesen Zustand entweder akzeptieren, oder, was wahrscheinlicher sei, gegen die Langeweile ihrer eigenen Existenz revoltieren würden.

“Seit den Großen Kriegen, aber vor allem seit dem Finanzcrash von 2008 in ganz Europa und in den Vereinigten Staaten, gibt es (um einen Satz von Frank Kermode zu bemühen) ein Endzeitgefühl". Linke Orthodoxien werden nun radikal angezweifelt. Populistische Bewegungen richten sich gegen die politische und wirtschaftliche Ordnung, die seit fünfzig Jahren besteht.


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Jacobson kommt zu dem Schluss, dass “die Wählerschaft in eine unbekannte Zukunft gesprungen ist." Er verbindet diese Schlussfolgerung mit Fukuyamas Vorhersage, dass die Langeweile des Homo Öconomicus letztlich zu einer Revolte führen würde.

Nun, Orthodoxien sind in der Tat in Misskredit geraten, und das aus gutem Grund: Das vorherrschende linke Konstrukt mit seiner großen Theorie, der Welt Frieden und wirtschaftlichen Wohlstand zu bringen, indem Grenzen niedergerissen werden und die Menschheit zu einer neuen Weltordnung vereint wird, befindet sich in Auflösung. Es hat seine Glaubwürdigkeit verloren.

Gefakte Erholungen, massierte Statistiken, geschönte Narrative

Lassen Sie uns nicht zu lange in der jüngsten Geschichte verweilen: die gefakte Erholung; die massierten Statistiken, das geschönte Narrativ, die Rettung des Finanzsystems sowie die "Austerität", die als wesentlich erachtet wird, um den Überhang jener Staatsschulden abzubauen, die gerade zur Rettung des Finanzsystems gemacht wurden - mit all den erheblichen Schmerzen der Sparpolitik, die im Namen der Wiederherstellung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit gerechtfertigt wurde.

Die Idee, die Wettbewerbsfähigkeit auf diese Weise wieder herzustellen, war - wie der ehemalige US-Budgetdirektor David Stockman festgestellt hat - immer Unsinn gewesen. Die Politik der quantitativen Lockerung (QE) der Zentralbanken - der Tsunami des "lockeren Kredits", der in den letzten Jahrzehnten zu "kostenlosen" Zinssätzen ausgelöst wurde - brachte den "60%" eine hohe Kosteneffizienz, die den Wettbewerb gezielt ausschloss: "Die Fed - in Absprache mit anderen Zentralbanken - trieb Kosten, Preise und Löhne, koste es was es wolle, um 2% in die Höhe.

So etwas tut man zwei oder drei Jahrzehnte lang. Und plötzlich ist man völlig wettbewerbsunfähig. Was sie dann haben, ist die höchste Kostenstruktur in der Weltwirtschaft, und die Arbeitsplätze und die Produktion wandern dorthin, wo Unternehmen niedrigere Kosten und bessere Gewinne finden können.

So, hier sind wir also (nach allem, was als "Erholung" angepriesen wurde), mit einer wieder schrumpfenden italienischen Wirtschaft; und jetzt, warnnt die Bundesbank, treibt auch die deutsche Wirtschaft in Richtung Rezession. Deutsche Werksaufträge verzeichneten im Dezember den größten Einbruch gegenüber dem Vorjahr seit 2012.

Offensichtlich hat die "große Theorie" ja nicht funktioniert. Was bedeutet all das für die Zukunft Europas?

"Aufgeklärte Technokraten" und linke Multikulturalisten

"Das untätige Vasallentum", in das die Mehrheit laut Fukuyama versinken würde, war schon lange vor 2008 in europäischen Staaten, einschließlich Großbritannien, zu beobachten. Slavoj Žižek schrieb in The Ticklish Subject über das fehlende Zentrum der politischen Ontologie (1999), das den Konflikt der (früheren) globalen ideologischen Visionen, die in verschiedenen Parteien verkörpert waren, "unter dem Deckmantel eines universalen Konsenses durch die Zusammenarbeit von aufgeklärten Technokraten (Ökonomen, Meinungsforschern ...) und linke Multikulturalisten ... ersetzte.” Tony Blairs Vorstellung vom "Radikalen Zentrum" war, so Žižek, eine perfekte Illustration dieser Verschiebung.

Betört von der Klarheit und intellektuellen Strenge ihrer Vision, die sich auf die Vereinigung Europas konzentriert, haben die "liberalen" Eliten sie nicht als eine legitime politische Option unter anderen, sondern als die einzige legitime Option angesehen. Die moralische Illegitimität des britischen Brexit wurde so zum unerbittlichen Thema für die Ablehnung der Brexit-Abstimmung. Für die Anhänger der großen Theorie wird es immer schwieriger, die nationale und kulturelle Selbstbestimmung zu dulden, die sie einst zugelassen haben. Toleranz, wie Nationalismus, ist out; Wut ist in.

Japanische Stagnation ist nicht der "worst case"

Was jetzt, wenn Europa wirtschaftlich ins Stocken gerät? Was könnten die politischen Auswirkungen sein? Erinnern Sie sich an das, was vor Jahren in Japan geschah?: Auch Japan war überschuldet, die Aktienblase war 1989 geplatzt, und Finanzexperten hatten einen massiven Zusammenbruch der JGBs, der japanischen Staatsanleihen, prognostiziert. Was dann geschah, war eine jahrzehntelange wirtschaftliche Stagnation. Ist das unsere Zukunft? Ist die ganze Welt dabei, sich in Japaner zu "verwandeln" und wir bei so viel Schuldenlast nicht zu historischen Normal-Renditen zurückkehren können?


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Die Japanern scheinen nur die "Langeweile" akzeptiert zu haben. Bewegt sich auch Europa gerade in eine sehr ertragsarme, wachstumsarme, stagnierende Situation innerhalb eines globalen Paradigmas der Stagnation, die andauert, bis wir zu dem Punkt kommen, an dem es entweder einen populistischen Aufstand oder ein Ereignis gibt, das das System in den Urzustand zurück versetzt?

Vielleicht nicht: Japan war immer ein Sonderfall. Die Schulden wurden fast ausschließlich im Inland gehalten. Und das Wachstum fand anderswo in der Welt statt, nicht in Japan. Dennoch fungiert Japan als "Kanarienvogel in der Kohlemine" der dämpfenden Folgen übermäßiger Schuldenlast.

Wenn wir in eine Zeit eintreten, in der die USA und Europa wenig Wachstum sehen, und China auf einem Niveau von 4% zu kämpfen hat, zudem sein Bankensystem retten muss und Indien nicht so durchkommt, wie es die Menschen erwarteten, dann ist Japan vielleicht "diesmal" kein so guter Orientierungspunkt.

Die Krux unseres Dilemmas

Der Punkt ist, dass wir uns an der Krux unseres Dilemmas befinden: "Die aufgeklärten Technokraten" lagen nicht nur falsch, sie haben sich auch in die Ecke gestellt, um noch mehr Sparsamkeit für die 60% zu erreichen; und um Fiat-Geld (vielleicht sogar Hubschraubergeld) in Volkswirtschaften zu werfen, die bereits durch Schuldenüberlastung zerbombt sind. Ein Experte, Peter Schiff, hatte das immer erwartet:

"Der Grund, warum ich ursprünglich nicht erwartet habe, dass die Fed die Zinsen wieder anhebt, war, dass ich wusste, dass dies der erste Schritt auf einem Weg gewesen wäre, den man nicht zu Ende gehen kann: dass bei ihrem Versuch, die Zinsen zu normalisieren, die Aktienmarktblase platzen und die Wirtschaft wieder in die Rezession eintreten würde."

"Zinssätze zu normalisieren, wenn man eine ungewöhnliche Menge an Schulden gemacht hat, ist unmöglich."

"Ich wusste die ganze Zeit, dass es irgendwann so weit sein würde: der Strohhalm, der dem Kamel den Rücken bricht. Ich wusste nicht, wie viele Zinserhöhungen die Blasenwirtschaft verkraften konnte, aber ich wusste, dass es ein Limit gab. Und ich wusste immer noch, dass es keine Möglichkeit gibt, dass sie jemals wieder normal oder neutral (Zinssatz) werden. Was auch immer diese Zahl ist - es sind nicht 2%."

"Alles, was die US-Notenbank auf der Grundlage von billigem Geld aufgebaut hat, begann zu implodieren, als das billige Geld abgehoben wurde ... Die US-Wirtschaft ist für Null gebaut. Es funktioniert nicht bei 2% und du fängst an, das zu erkennen." (Schiff sagte diese Sätze auf der Vancouver Investment Conference).

An der Schwelle zur schuldenbedingten Rezession

Europa, so scheint es, steht tatsächlich an der Schwelle zur schuldenbedingten Rezession. Und die Zentralbanker haben keine Antwort. Über die erste Rezession seit 26 Jahren zu sprechen, bedeutet auch, über ein Europa zu sprechen, in dem die jüngste Generation nicht weiß, wie eine Rezession wirklich aussieht. Was bedeutet das? Grant Williams, Gründer des einflussreichen finanziellen Real Vision Television, gibt eine Antwort:

“Das ist eine Sache, bei der ich gerne falsch gelegen hätte. Und das ist, dass ich in den letzten Jahren einen dramatischen Anstieg von Populismus, sozialer Unruhe und Gewalt vorhergesagt habe. Und viele Leute dachten, wir wären Spinner und Verschwörungstheoretiker. Jetzt brennt Paris ... Es gibt den alten Witz über den Unterschied zwischen einer Rezession und einer Depression: Es ist eine Rezession, wenn Ihr Nachbar seinen Job verliert und es ist eine Depression, wenn Sie Ihren verlieren.

Sie werden tun, was sie immer taten: die Wall Street retten

Das ist es, was ich fürchte. Ich denke, dass Sie feststellen werden, dass die Menschen nach 2008 viel mehr über Finanzen verstehen als vor 2008. Sie können es nicht erkennen, aber ich denke, sie verstehen jetzt Rettungsaktionen, sie verstehen, wie unfair Rettungsaktionen sind, wenn sie der Wall Street gelten, im Gegensatz zur Main Street, den Menschen. Und ich denke, dass das, was Sie sehen werden, die Fed und die Regierung sind, die das tun, was sie immer getan haben, nämlich die Wall Street zu retten, um das System zu retten.

Wenn du eine schlechte Wirtschaft hast und Leute, die das Gefühl haben, dass sie entrechtet sind, und ihnen sagst: weißt du was, wir müssen das tun, um das System zu retten, dann ändert sich die Reaktion plötzlich. Dann ist die Reaktion auf einmal: zur Hölle damit, lass uns das System bis auf die Grundmauern niederbrennen.

Die Menschen werden sich nur noch so artikulieren, wie jetzt in Frankreich 

Und wenn wir an diesem Punkt angekommen sind, der sich anfühlt, wie wenn man diese Kluft zwischen links und rechts in der Politik hat und man eine Wirtschaft hat, die stagniert, und eine Börse, die potenziell auf Allzeithöchstständen ist, und Staatsschulden eine so große Rolle spielen, dann mache ich mir Sorgen, dass die Menschen sich nur noch so artikulieren können, wie sie es jetzt in Frankreich tun. Und das wird eine sehr, sehr schlechte Entwicklung für alle Beteiligten sein."

Hier überschneidet sich Williams' Diskurs mit Fukuyamas abgeschwächtem Homo Economicus: Was passiert, wenn letztere, die sich nun allein von den "Ritualen des Konsums in einer Welt der bürgerlichen Verwesung und der kulturellen Trägheit" leiten lassen (die das Gefühl der Wertschätzung verlieren, das entsteht, wenn sie als Mensch, als Mitglied einer Familie, einer Kultur, einer Geschichte, eines Volkes, einer spirituellen Tradition oder einer Nation geschätzt werden)? Dann stehen wir vor dem Abgrund.

Angst gedeiht besonders im leeren Konstrukt einer homogenisierten Universalität - ohne Werte wie Wahrheit, Schönheit, Vitalität, Integrität und Leben.

Die Antwort von Williams ist einfach: "Europa versagt".

"Macron ist interessant. Macron kam aus dem Nichts. Hier haben wir einen ehemaligen Rothschild-Banker, der vom Establishment als Alternative zu Marine Le Pen aufgestellt wurde.

Auch Macron ist ein schrecklicher Präsident

Weißt du was? Macron wurde aus dem Hut gezogen: Jung, gutaussehend, gelehrt, etwa wie Obama ... dazu eloquent, großartig aussehend, sehr präsentabel und stilvoll. Macron war das im Überfluss. Die Tatsache, dass er ein ehemaliger Rothschild-Banker war, kam bei den meisten Leuten, die für ihn stimmten, gar nicht an. Er hat das gewusst. Und das Establishment atmete einen großen Seufzer der Erleichterung.


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"Aber weißt du was? Auch er hat sich als ein schrecklicher Präsident erwiesen. Seine Beliebtheitswerte sind - ich weiß nicht ob sie unter Hollande liegen - aber sie sind zumindest in dessen Region, was ich für bemerkenswert schwierig hielt. Aber Macron das das mit bemerkenswerter Leichtigkeit erreicht. Also denke ich, dass mit Macron das Establishment zum letzten Mal seine Würfel gespielt hat.

So etwas gibt es heute nicht mehr

Weißt du, hier ist ein Kerl, und wir werden ihn da reinbringen, wir werden ihn dazu bringen, all die Dinge zu sagen, die wir von ihm hören wollen, und er wird die Lage beruhigen, er wird helfen, dass diese ganze Sache vorübergeht. Und nichts dergleichen ist passiert. Ich denke, dass diese populistische Bewegung nicht einfach verschwinden oder beruhigt werden wird. Ich denke, was mit Macron in Frankreich passiert ist, ist die absolute Verkörperung dieser Einsicht. Er hätte schon vor Jahren zurücktreten müssen. Damals, als die Politiker beschämt waren, hätte er schon die Verantwortung für den Zustand des Landes übernehmen müssen. Aber so etwas gibt es heute nicht mehr.

"Ein Scheitern der EU ist also, dass jeder seine eigene Währung hat und jeder wieder eine Grenze hat. Der Schlüssel dazu wird nun der Euro sein, weil es die Währungsunion ist, die die Probleme jetzt schafft. Es funktionierte hervorragend, als die Zinsen in die richtige Richtung gingen. Es hat für alle gut funktioniert. Jetzt haben sie begonnen, in die andere Richtung zu gehen. Und die Schulden haben begonnen sich bemerkbar zu machen, und der Druck auf diese Länder ist groß ... Die Menschen verstehen nicht, was der Euro bedeutet. Sie wissen, dass sie damit keine Zukunft haben werden.

"Und sie wissen, dass die politische Antwort so aussehen wird, dass sie zurück in die Lira gehen (ich nehme Italien als Beispiel), alle Schulden in der massiv abgewerteten Lira begleichen und froh sind, nicht gezwungen zu sein, ein von Brüssel diktiertes Haushaltsdefizit aufrechtzuerhalten und durch eine schwere Rezession gehen zu müssen. Das wird passieren. Es war immer so.

"Aber so wie die Bürokraten in Brüssel alle behandeln (sie müssen hart durchgreifen, sie müssen den Stock und nicht die Karotte benutzen, um dieses Konstrukt zusammen zu halten), werden wir alle ein Brexit sein".