Die größte politische Revolution
seit dem Aufstieg der Demokratie

Leicht gekürzter Exklusiv-Beitrag aus der
aktuellen Ausgabe unseres Newsletters „PI Politik Spezial“

von Markus Gärtner

 

Wie kann man präzise ermitteln, wann der nächste Sturm losbricht? Eine genaue Antwort gibt es nicht. Aber man kann den zeitlichen Korridor einengen, denn es stehen viele konkrete Zeitangaben im Raum, die zeigen, dass wir derzeit in vielerlei Hinsicht an eherne Grenzen stoßen und dabei empfindliche Schmerzwerte erreichen, die das Fass zum Überlaufen bringen können. Am ehesten kommen dabei wirtschaftliche oder finanzielle Schockwellen in Frage.

In den Schwellenländern von Südamerika bis nach Südostasien hat Anfang 2018 wegen der steigenden Zinsen in den USA eine umfangreiche Kapitalflucht eingesetzt. Sie sorgt für stark einbrechende Wechselkurse der lokalen Währungen und erinnert an den Ausbruch der asiatischen Finanzkrise 1997. Diesmal kommen jedoch noch wachsende Handelskonflikte hinzu, die den exportorientierten Volkswirtschaften der Schwellenländer einen zusätzlichen Schlag versetzen.

Auffallend viele Crash-Prognosen konzentrieren sich auf die erste Hälfte des kommenden Jahrzehnts.

Der Unternehmensberater und Autor des Buches »Der Draghi-Crash«, Markus Krall, ist überzeugt, dass uns »spätestens in zwei Jahren« (von 2018 aus betrachtet, die Redaktion) das Bankensystem um die Ohren fliegen wird. Wenn die vielen Zombiefirmen, die sich nur dank billiger Kredite über Wasser halten können, reihenweise umfallen, werden auch Banken mitgerissen, was eine erneute Systemkrise auslösen kann. Eine weitere konkrete Jahreszahl nennt Max Otte. Er erwartet, dass spätestens 2021 bei uns die Immobilienblase platzt. Den nächsten Crash erwartet Otte »noch vor Ende der Trump-Ära.«

Der einstige Asienchef von Morgan Stanley, Stephen Roach, fürchtet, dass die trügerische Ruhe an den Börsen, die im Frühjahr 2018 erstmals kräftig erschüttert wurde, sich spätestens 2019 in einen großen Sturm verwandeln wird. Auch der ehemalige Chef der Fed, Ben Bernanke, sieht die US-Wirtschaft im Jahr 2020 wie »Wile E. Coyote« abstürzen. Das ist der Kojote, der in den Zeichentrickfilmen von Warner Bros. auf der Jagd nach dem Road Runner stets über die Klippe schießt und dann in den freien Fall übergeht. 2020 wird zudem das Jahr sein, in dem die Wirkung der Steuerreform von Donald Trump wieder nachlässt und die steigenden Zinsen spätestens ein für viele Unternehmen tödliches Niveau erreichen werden.

Auch David Rosenberg, einer von Nordamerikas bekanntesten Prognose-Strategen, rät, »wir sollten die nächsten 12 Monate besser genießen«, der aktuelle Konjunkturzyklus liege »in seinen letzten Zügen.« Binnen 12 Monaten ab dem Juni 2018 tritt nach Rosenbergs Erwartung eine Rezession in den USA ein, weil die Fed der Konjunktur »eine Kugel durch die Stirn schießt.«

Wer so etwas für eine »alarmistische Prognose« hält, sollte sich noch einmal den Bericht des McKinsey Global Institute vom Juli 2016 mit dem Titel »Ärmer als ihre Eltern – Stagnierende oder fallende Einkommen in den hoch entwickelten Volkswirtschaften« zur Hand nehmen. Dort heißt es schon im Vorwort: »Wenn das schwache Wachstum der Jahre 2005 bis 2012 anhält, werden 70 bis 80 Prozent der Einkommenssegmente in den hoch entwickelten Volkswirtschaften Stagnation oder fallende Einkommen erleben.« Inzwischen sind wir bereits 6 Jahre weiter, aber die Wachstumsraten haben sich nicht deutlich verbessert – und der Druck im Kessel ist größer geworden.

Dazu passt ein CIA-Ausblick aus dem Jahr 2017, der das Fernglas zwar weit in die Zukunft bis auf das Jahr 2035 richtet, aber schon kurzfristig enormen Druck auf Europas Gesellschaften vorhersagt: »In den nächsten fünf Jahren wird Europa sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen müssen, dass sich das europäische Projekt auflöst, während die Nachkriegsordnung durch Zuwanderungsströme aus der instabilen, oft bedrohlichen Peripherie und durch die Zwänge einer globalisierten Wirtschaft, die die ökonomische Ungleichheit verstärken, zunehmend unter Druck gerät.«


Testen Sie unser Politik-Newsletter

Starke Meinungen, unabhängige Analysen und garantiert KEIN Mainstream-Verdacht


Mehr noch: Die Unternehmensberatung Bain & Company in Boston, einer der weltweit führenden Strategieberater, sagt in ihrer Studie »Labor 2030« (»Die Arbeit im Jahr 2030 – Die Kollision von Demographie, Automatisierung und Ungleichheit«) »eine Zeit wirtschaftlichen Aufruhrs in den frühen 20er Jahren« vorher. Sie erwartet eine Periode, »in der Extreme noch extremer werden«, die Mittelschicht sich so weit auflöst, dass bis zu 80 Prozent der Menschen der Unterschicht angehören werden und eine »weit verbreitete Unsicherheit normale Familien heimsuchen wird.«

Kein Wunder also, dass die Prognosen für den nächsten und diesmal viel veheerenderen Crash der Wertpapiermärkte sich auf die kommenden vier bis fünf Jahre konzentrieren. Der US-Starinvestor Jeff Gundlach sagt als Folge himmelhoher Aktienpreise, gestiegener Zinsen, eskalierender US-Schulden und des wachsenden Drucks auf den Dollar schon für 2019 »eine Explosion« vorher. Zwei der führenden Banker, die sich in den USA auf die Rettung hoch verschuldeter Unternehmen spezialisiert haben, sehen sich bereits »ins Jahr 2007 zurück versetzt«, in die Monate vor Ausbruch der bis heute nicht verdauten Finanzkrise von 2008. Zum nächsten Kollaps sagen sie: »Er kommt, und er ist nicht weit weg.«

Zwei bemerkenswerte, aber beunruhigende Bücher

In den USA sind in den vergangenen Jahren zwei bemerkenswerte Bücher erschienen, die sich mit dem Zeitpunkt der nächsten großen Krise an den Börsen und in der Weltwirtschaft beschäftigen. Das eine - »Zero Hour« (Die Stunde Null) - von Bestsellerautor Harry S. Dent, schildert anhand zyklischer Bewegungen, die seit Jahrhunderten zu beobachten sind, dass wir »am Vorabend der größten politischen, kulturellen und sozialen Revolution« seit dem Aufstieg der Demokratie stehen. Die Revolution, von der Dent spricht, sieht er als eine »Gegenreaktion gegen die Globalisierung.« Donald Trump und der kommende Ausstieg der Briten aus der EU sind demnach lediglich der Anfang einer »monumentalen Bewegung«, deren Höhepunkt das Platzen einer gigantischen Blase spätestens Ende 2022 darstellen wird. Die gute Nachricht: Nach der Überwindung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Spaltung, die in den USA und europäischen Staaten wie Deutschland derzeit bedrohlich zunimmt, soll es später in diesem Jahrhundert dann wieder zu einer wirtschaftlichen Aufbauphase kommen.

Dent schildert in seinem Buch drei starke Zyklen, die zuverlässig immer wieder große Verheerungen anrichten. Einen 250 Jahre dauernden »Revolutionszyklus«, dessen letzter großer Ausschlag die Amerikanische und die Industrielle Revolution waren, dazu einen etwas über 80 Jahre dauernden »populistischen Zyklus«, in dessen Verlauf Hitler und Mussolini an die Macht kamen sowie einen im Schnitt jeweils 28 Jahre dauernden »Finanzkrisen-Zyklus.« Die letzten beiden Male, als die beiden kürzeren Zyklen in die Krisenphase eintraten und sich zeitlich trafen, brachen die europäischen Revolutionen der 1840er Jahre los und die Nazis kamen an die Macht.

Die Krisenphase im revolutionären Zyklus, sagt Dent, begann mit dem Brexit-Referendum und der Wahl von Trump. Die krisenhafte Zuspitzung in der Endphase des populistischen Zyklus begann laut Dent mit der Finanzkrise 2008, als Millionen von Menschen Ersparnisse, Arbeit und viel Vertrauen in die Institutionen verloren und zusehen mussten, wie kriminelle Banker mit ihren Steuern gerettet wurden und die 1 Prozent sich anschließend in der von Notenbanken angefachten Dauerrally an den Börsen immens bereicherten.

Die laufende Migrationskrise hat diese Entwicklung auf einen neuen Höhepunkt getrieben. Was die krisenhafte Verschärfung von wirtschaftlichen Problemen, sozialen Spannungen, regionalen Konflikten und der Migration noch weiter verschärft, ist laut Dent das Überschreiten der Höhepunkte bei einigen Entwicklungen, die dem Handel und der Weltwirtschaft bisher zuverlässig Rückenwind verliehen.

Die Globalisierung läuft gegen eine Wand

Die Globalisierung läuft angesichts wachsender Handelskonflikte und steigender Zölle derzeit gegen eine Wand. Sie hatte 1912 einen ersten Höhepunkt erlebt, bevor sie durch die beiden Weltkriege jäh unterbrochen wurde. Die Ära der zivilen Luftfahrt fachte dann jedoch ab den 50er Jahren einen neuen Boom an, der 2008 vor der Finanzkrise seinen vorläufig letzten Höhepunkt erlebte. Hinzu kommt: Die Mobilität, die ein modernes Leben ermöglicht, wird derzeit allerorten großflächig reduziert: durch einen wuchernden Dschungel an Regulierungen, durch den Kampf gegen die Mobilität (Diesel) und durch hohe Mieten in den Ballungsräumen, um nur wenige Beispiele zu nennen. Hinzu kommt eine politische Polarisierung zwischen linken und konservativen Strömungen, weil sich Weltanschauungen immer unversöhnlicher gegenüberstehen und der Raum für Kompromisse zunehmend schwindet.

Für Harry Dent kommen als Brandbeschleuniger in dem aufziehenden Flächenbrand noch die Wiederkehr der Inflation hinzu und das Überschreiten des Höhepunkts in dem enormen Konsumrausch, der mit den Babyboomern, dem billigen Geld der Minizins-Ära und dem Aufstieg Chinas einen globalen Höhepunkt erreicht hat. Jetzt tritt selbst in Chinas Märkten aufgrund großer Kreditprobleme und der sinkenden Zahl erwerbsfähiger Menschen eine Beruhigung ein, während weltweit die Zinsen anziehen und die Babyboomer in großer Zahl in Rente gehen, was die Ausgabenwut einer ganzen Generation dämpft.

Auch ein 45 Jahre währender Innovationszyklus, der uns die PCs, das Internet und die mobile Kommunikation bescherte, hat seinen Sättigungsgrad erreicht. Er hat genauso seinen Höhepunkt erreicht wie damals der Bau der Eisenbahnen in den 1920er Jahren und der Autoboom, der bei uns dafür sorgte, dass in den 60er Jahren jeder Haushalt ein Fahrzeug hatte.

Dent sieht Aufstände und Revolutionen als zyklische Ereignisse, die relativ strengen zeitlichen Mustern folgen. Jetzt sieht er die Welt vor dem Zusammentreffen der drei wichtigsten und einflussreichsten Entwicklungslinien, die hier beschrieben wurden. Sie schneiden sich irgendwann zwischen jetzt und dem Jahr 2023 und werden damit zu riesigen Umwälzungen führen.  

Die vierte Wende und einige verblüffende historische Parallelen

Das zweite bemerkenswerte Buch, das in jüngster Zeit in den USA erschien und zyklische Entwicklungen hin zur nächsten Krise beleuchtet, stammt von William Strauss und Neil Howe: »Die vierte Wende – Was historische Zyklen uns über Amerikas nächste Begegnung mit dem Schicksal verraten.« Die beiden Autoren schlugen mit ihrem Buch schon 1997 – und damit zehn Jahre vor der Finanzkrise – hohe Wellen, als sie die Geschichte als Abfolge von Zyklen mit einer jeweiligen Länge von etwa 80 bis 100 Jahren beschrieben und jeden Zyklus in vier Abschnitte (Wenden) einteilten, die man auch als Jahreszeiten sehen kann.


Das neueste VIDEO in unserem beliebten TV-Kanal


Die erste Wende ist demnach ein Hoch, das einer schweren Krise folgt, zum Beispiel der Nachkriegsboom in Deutschland: Die Institutionen werden stärker, der Individualismus geht zurück, eine neue Ordnung entsteht. In der zweiten Wende, dem »Erwachen«, wird das neue System zunehmend infrage gestellt, Proteste nehmen zu: die letzte historische Episode, die dem zweiten Abschnitt entspricht, waren bei uns die Proteste der 68er. Die dritte »Wende« ist laut den Autoren der Zusammenbruch der Institutionen, die stark an Vertrauen verlieren sowie der grassierende Individualismus und der Verfall der bestehenden zivilen Ordnung. Das ist das, was wir derzeit auch bei uns beobachten, inklusive Abkehr von der Demokratie, Zerstörung des Nationalstaates, Verfall der Rechtsordnung und wachsende politische wie soziale Spannungen. Die vierte Wende ist eine große Krise mit immensen Zerstörungen, wie zuletzt der Zweite Weltkrieg.

Im Vorwort ihres Buches schreiben Howe und Strauss: »Menschen in jedem Alter spüren, dass etwas Großes durch Amerika fegen muss, bevor die düstere Stimmung vergeht – aber das ist eine Erkenntnis, die wir unterdrücken. Als Nation verleugnen wir, was passiert ... wir fragen uns, ob wir uns auf einen Wasserfall zubewegen.«

Warum erinnert uns das bloß so stark an das Deutschland dieser Tage?

Howe und Strauss gehen mehrere hundert Jahre in der Geschichte zurück, um jene Zeitabschnitte zu beschreiben, die den jeweiligen »Wenden« - oder Abschnitten - entsprechen. Eine dritte Wende (was wir derzeit bei uns sehen) gab es zum Beispiel in den späten 1840er und frühen 1850er Jahren in den USA, mit folgender Beschreibung:

»In den Städten wurde das Leben gefährlich und die Politik war voller Hass. Die Migration nahm zu, die Finanzspekulation boomte, die Eisenbahnen und Baumwollexporte entfesselten mächtige neue Märkte, die die Kommunen destabilisierten. Weil sie keine Antworten mehr hatten, fielen die zwei großen Parteien in sich zusammen.«

Die Parallelen zu heute sind absolut verblüffend. Die Entwicklungen und Phänomene, die alle dritten Wenden vor der jeweiligen Krise gemeinsam hatten, skizzieren die beiden Autoren so: Moralischer Protest, Lifestyle-Experimente, Laissez-faire, raue Debatten, implodierendes Vertrauen in öffentliche Institutionen, nach Lust strebende Lebensweisen und zynische Entfremdung, die sich in grüblerischen Pessimismus verwandelt.

Die sich bereits entfaltende neue Krise beschreiben die Autoren so: »Es wird sich anfühlen, als ginge es um das Überleben der Nation. Irgendwann vor dem Jahr 2025 wird Amerika durch ein großes Tor der Geschichte schreiten, das von der Bedeutung her so groß ist wie die Amerikanische Revolution, der Bürgerkrieg und das Doppelereignis aus Großer Depression und dem Zweiten Weltkrieg.«