Haltungs-Journalismus ist eine
Gefahr für die Demokratie

von Markus Gärtner

 

„Wenn´s ins Bild passt, schreib es so.“ Das ist die neue Berufsauffassung, die immer mehr Journalisten zum Mantra erheben wollen. „Haltungsjournalismus“ ist ihr Credo. Und sie meinen, was sie sagen: Journalisten sind Bürger wie alle anderen, sie sollten sich für Entwicklungen und Pläne einsetzen, die sie für gut halten, und sie sollten – vor allem politische – Entwicklungen, die sie für schädlich halten, bekämpfen. Mit dieser Auffassung werden - wenn sie sich durchsetzen sollte - Chronisten und Anwälte ihres zahlenden Publikums zu Aktivisten und zu schreibenden Kreuzrittern diverser Weltanschauungen.

Man stelle sich nur einmal kurz vor, Nahrungsmittel-Konzerne verhielten sich so gegenüber ihrer Kundschaft: Sie werfen einfach Zutaten in ihre Produkte ein, die sie selbst für richtig (weil billig und schnell zu verarbeiten, wenn auch nicht gesund) halten, ungeachtet etablierter Standards, gesetzlicher Vorschriften und des Regelwerks von Aufsichtsbehörden.

Ein Lügenmärchen nach dem anderen

Wohin das im Journalismus führt, haben wir in dieser Woche gesehen, als ein Lügenmärchen nach dem anderen des (inzwischen ehemaligen) Spiegel-Journalisten Claas Relotius bekannt wurde. Wenn man ihn verteidigen wollte, worauf kein vernünftiger Mensch kommt, müsste man Relotius als „äußerst kreativ“ bezeichnen. Aber am Ende war er ein Betrüger, Manipulator und – nach immer noch gültigen Berufsstandards – ein Krimineller, der seine Leser mit erfundenen Figuren, Geschichten und Zusammenhängen täuschte.

Man muss im Internet nur die erschütternden Schilderungen in dem Bericht „Der Spiegel journalist messed with the wrong town“ (Der Spiegel-Journalist, der sich mit der falschen Stadt anlegte) von Michele Anderson und Jake Krohn aus Fergus Falls in Minnesota aufrufen, wo die beiden seit Jahren leben und wo sie jetzt akribisch aufgeschrieben haben, wie sich Relotius wochenlang in ihrer Stadt aufhielt, um anschließend die Geschichte „In einer kleinen Stadt“ aufzuschreiben, das Tagebuch – laut Relotius – eines trostlosen Ortes im US-Hinterland mit hoffnungslos Trump-ergebenen und abgehängten, welt-unerfahrenen Landbanausen und Waffennarren, die 2016 halfen, Donald Trump ins Weiße Haus zu befördern.

Erfindungen am Fließband

Mit bitterer Ironie schreiben Michele Anderson und Jake Krohn auf, wie Relotius von der Schilderung der Landschaft bis hin zu Figuren in seiner Geschichte quasi am Fließband Menschen und Verhaltensweisen erfand, ohne mit einem Teil dieser Menschen überhaupt gesprochen zu haben. „Relotius wurde für sein mutiges Unterfangen gepriesen“, schreiben Anderson und Krohn in ihrem Bericht, „für mehrere Wochen mitten unter uns zu leben. Und trotzdem hat er wenig Wahres über das Leben in Fergus Falls aufgeschrieben. In 7.300 Wörtern hat er lediglich unsere Einwohnerzahl und die jährliche Durchschnittstemperatur korrekt berichtet und ein paar andere grundlegende Fakten wie die Namen von Geschäftsleuten und Amtsträgern, Dinge, die ein Kind mit einer simplen Google-Suche hätte herausfinden können. Der Rest ist grenzenlose Fiktion.“ Allein dieser letzte Satz ist nicht nur ein berufliches Todesurteil für Relotius, er erschüttert auch eine ganze Branche, die jetzt noch mehr Vertrauen verloren hat.

Man fühlt sich bei dieser vernichtenden Kritik an Karl May erinnert, dessen Bücher ich als kleiner Junge verschlungen habe. Der Unterschied zwischen May und Relotius ist jedoch: Bei dem einen wusste man, dass er eine blühende Phantasie hat und selbst Länder beschrieb, die er nie besucht hatte. Der andere Geschichtenerzähler hat dagegen weite Teile der Branche und seine komplette Leserschaft getäuscht und ist jahrelang mit seinen Erfindungen davongekommen.


 

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Nun kann man sich streiten, wie viel Schaden angerichtet wird, wenn eine Beschreibung wie die von Fergus Falls durch Relotius so völlig danebengeht und so rabiat zurechtgeschrieben wurde, um die Anhänger von Donald Trump aus niederträchtigen Gründen falsch zu plakatieren. Die Einwohner von Fergus Falls jedenfalls sehen sich mit einem ziemlichen Rufschaden konfrontiert. Acht Flugstunden entfernt, mitten in Deutschland, kann man das für ein Unglück halten, das sicher nicht das größte der Welt ist. Doch es steht weitaus mehr auf dem Spiel, wenn Journalisten die Realität der Menschen – ihrer Leser, die Bürger, Steuerzahler und Wähler sind - so zurechtbiegen und bösartig manipulieren, damit sie ins vorherrschende Narrativ ihrer Zunft passen.

Gravierende Folgen für die Demokratie

In einer Demokratie wie unserer – mit all den Blessuren, die sie längst erlitten hat – hat solcher Verrat an der Wahrhaftigkeit allerdings gravierende Folgen. In einer parlamentarischen Demokratie ruht alle Macht auf dem Volk, das Abgeordnete (Gesetzgeber) repräsentieren, die versuchen, sich mit den ausführenden Organen, der Exekutive, und den Rechtsprechenden, gegenseitig in Schach zu halten. So weit der Idealfall, von dem wir uns schon ziemlich weit entfernt haben. Die Medien spielen in diesem heiklen und nicht wirklich stabilen Gefüge eine zentrale Rolle, weil sie – im Idealfall – wichtige Ereignisse, Entwicklungen und Trends mit all ihren Facetten darstellen und sie von allen Seiten ausleuchten, damit der Souverän sich ein umfassendes Bild machen kann.

Wer Menschen diese Möglichkeit nimmt und ihre freie Meinungsbildung hintertreibt, weil er die Welt in seinen Berichten nicht so wiedergibt wie er sie als Reporter vorfindet, sondern so, wie er sie gerne hätte, wie sie seinen politischen Klischees und Vorlieben besser entspricht, der macht sich des Verrats an seinem Publikum schuldig, er sabotiert nicht weniger als den demokratischen Prozess. Er schadet direkt der Demokratie, weil er/sie Bürgern und Wählern im Erscheinungsgebiet seiner Publikation eine falsche Entscheidungsgrundlage für die nächsten Wahlen liefert.

Relotius ist kein Einzelfall

Und das ist weitaus gravierender als wenn man einem Stadtverwalter (wie Andrew Bremseth, der zentralen Figur in der Fabelreportage von Relotius über Fergus Falls) eine nicht vorhandene 9 Millimeter Beretta und eine angebliche Allergie gegen weibliche Präsidenten andichtet, und vieles mehr.

Dass Relotius kein Einzelfall ist, kann man sich angesichts krasser kollektiv-journalistischer Falschdarstellungen wie die Bilder, die im Migrantenstrom bevorzugt Familien mit Kindern zeigten (und dann fast gar keine mehr) denken. Tatsächlich werden in diesen Tagen aber weitere journalistische GAUs bekannt, darunter der Yahoo-News-Journalist Michael Isikoff, der in dieser Woche zugeben musste: das explosive Dossier, das angebliche Verbindungen zwischen dem Team von Donald Trump und Russland bewies - und als Rechtfertigung für Spionage gegen einen Trump-Assistenten diente - enthält Isikoff zufolge Behauptungen, die „wahrscheinlich falsch“ sind. Isikoff hatte als einer der ersten darüber berichtet. Zumindest einige der damals als verheerende „Fakten“ gepriesenen Vermutungen und Unterstellungen erscheinen schon seit einiger Zeit immer mehr als heiße Luft, die Journalisten dem verhassten, aber in einer freien Wahl siegreichen US-Präsidenten medial ins Gesicht bliesen, um ihn – entgegen dem Willen der Wähler - zu Fall zu bringen.

Und nicht vergessen: Schauen Sie auch in unserem neuen Videokanal vorbei

 

Hier geht es zur Spiegel-Reportage von Claas Relotius

Hier die Gegendarstellung von Michele Anderson und Jake Krohn