Das wohl temperierte
öffentlich-rechtliche Fernsehen

von Markus Gärtner

 

Erinnern Sie sich noch an diesen selbstbeweihräuchernden Slogan?: „Bei ARD und ZDF sitzen Sie in der ersten Reihe!“ Das war der Werbespruch, mit dem uns die GEZ-Sender lange weismachen wollten, dass wir von ihnen konkurrenzlos gut informiert werden. Das ist Jahre her.

Doch gestern wurde die Erinnerung an dieses falsche Versprechen wieder hellwach. Notre-Dame brannte lichterloh. Ungezählte Sender auf der ganzen Welt berichteten aktuell, in Sondersendungen oder spontanen LIVE-Schaltungen über die Feuersbrunst, die eine der größten Ikonen abendländischer Baukunst und christlicher Tradition beinahe völlig verschlang.

Während schockierte Menschen am Ufer der Seine im Schock erstarrten, weinten oder still beteten, durchpflügten Hunderttausende fieberhaft die sozialen Kanäle nach den Breaking News. Bei ARD und ZDF bekamen sie einen Tierfilm und einen Krimi. LIVE-Einspielungen aus einem der größeren Hauptstadt-Studios von ARD und ZDF (in Paris) suchten sie allerdings vergeblich.

Die Schlafwandler bei ARD und ZDF

Darüber waren nicht nur viele im Publikum entsetzt. Auch Profis aus der Nachrichten-Branche und Urgesteine von ARD und ZDF äußerten ihr Unverständnis über den Schlafwandel der angeblichen Erstreihen-Versorger. Der ehemalige Leiter und Chefredakteur des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin, Ulrich Deppendorf, zum Beispiel: „Warum gab es keinen ARD-Brennpunkt zum Brand von Notre-Dame, neben dem Eiffelturm das Symbol Frankreichs? Schwer nachzuvollziehen“, fragte er entnervt in einem Tweet.

Und während Armin Laschet dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk schwere Vorwürfe machte – „Millionen Menschen fiebern mit der Kirche Notre-Dame in Paris, einem der bedeutendsten kulturellen Orte in Europa. Warum muss man CNN einschalten, während die ARD Tierfilme zeigt?“ - wunderte sich auch die erst unlängst verabschiedete Chefredakteurin Fernsehen beim WDR, Sonia Seymour Mikich: „Und Tagesschau24? BBC, CNN, Russia Today und Al Jazeera schaffen es doch auch.“

Das Notre-Dame-Funkloch

Tatsächlich glänzten ARD und ZDF gestern Abend lange Zeit durch ein Notre-Dame-Funkloch. In der „Tagesschau“ wurde an dritter Stelle über den Brand berichtet, in „Heute“ im ZDF gar nicht. Erst das „Heute Journal“ ging auf das Inferno ein.

Derzeit können wir nur spekulieren, was der Grund für diesen neuerlichen Aussetzer beim Staatsfunk war.

Im schlimmsten Fall passte die schreckliche Nachricht nicht ins übliche Erklärungsmuster, weil die Berichte über den Brand dem in sozialen Kanälen zwischen den Zeilen stark präsenten Verdacht, es könnte sich um eine Attacke auf die Kirche und damit auf das Christentum handeln, Auftrieb verliehen hätte. Das Argument „Die Nachricht könnte den Falschen helfen“, haben wir schließlich oft genug gehört. Im günstigsten Fall wollten jedoch zuständige Nachrichtenredakteure nur nicht ihren privaten Abend oder das Dinner beim Edel-Italiener unterbrechen. Oder sie haben den Brand eines der wichtigsten und wertvollsten christlichen Symbole und Gotteshäuser auf unserem Kontinent und in der Welt schlicht für ein „regionales Ereignis“ gehalten. - Wir wissen es nicht.


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Was wir jedoch hinlänglich wissen, ist, dass dieses schwere Versäumnis in einer langen Reihe sprachlos machender Nachrichten-Versagen steht. Der Deutschlandfunk, der lange als westlicher Feindsender für das „Tal der Ahnungslosen“ in der DDR galt, verschlief 1989 den Fall der Berliner Mauer. Nach tagelangem Warten mit der Berichterstattung musste das ZDF eine „klare Fehleinschätzung“ der massenhaften Sex-Attacken an Silvester 2015 in Köln eingestehen. Auch die ARD sah nicht gut aus, obwohl der WDR, Europas größte Sendeanstalt, nur wenige Meter vom Tatort an der Kölner Domplatte entfernt residiert. Beim Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz liefen die öffentlich-rechtlichen der Konkurrenz ebenfalls deutlich hinterher und „verschliefen fast“ die furchtbare Terrorattacke. Nicht nur CNN war damals deutlich schneller als die ARD, die in Berlin mit ihrem Hauptstadt-Studio massiv vertreten ist.

Wir sind kein "Gaffer TV"

Auch auf dem Höhepunkt der Maidan-Krise in Kiew heimsten die GEZ-Sender heftige Kritik ein. „Die Kritik in Richtung ARD und ZDF, aktuelle Ereignisse zu verpennen, ist nicht neu. Am gestrigen Dienstag ging es zeitweise auf Twitter rund, weil bei der ARD die Ärzteserien “In aller Freundschaft” und "Dr. Kleist" liefen und im ZDF Karneval auf dem Programm stand, während sich die Ereignisse in Kiew überschlugen“, kritisierte im Februar 2014 das Branchen-Magazin „MEEDIA.“ 

Gestern, noch während Notre-Dame in einen Feuerball gehüllt war und die Wut über die verschlafene ARD hochkochte, antwortete ARD-Chefredakteur Rainald Becker seinen Kritikern auf Twitter in typisch arroganter ÖR-Manier so: „Rate zu etwas mehr Sachlichkeit. Das Erste ist kein 24h Nachrichtenkanal und Gaffer TV machen wir auch nicht. An fundierter Berichterstattung wird gerade gearbeitet.“

Und wenn sie nicht gestorben sind, lassen uns ARD und ZDF vielleicht bis in alle Ewigkeit auf umgehende Berichterstattung warten, wenn sie bei einem Mega-Ereignis, das die ganze Welt brennend interessiert, der Meinung sind, sie müssten die News erst einmal gut abhängen lassen und die passenden Interviewpartner und Experten in aller Ruhe aussuchen.