Zurück in die UdSSR:
Wie man westliche Nachrichten liest

 

von Patrick Armstrong

zuerst erschienen im Blog der Strategic Culture Foundation am 08.01.2019

Übersetzt und mit freundlicher Genehmigung übernommen von FritztheCat,
Übersetzungen aus dem Imperium 

 

Die Helden in Dickens´ erstem Roman „Die Pickwickier“ besuchen die fiktive Gemeinde Eatanswill, um eine Wahl zwischen den Kandidaten der Blauen Partei und der Buff Partei zu beobachten. Die Stadt ist zwischen den beiden Parteien leidenschaftlich entzweit, in allen möglichen Fragen. Jede Partei hat ihre eigene Zeitung: Die Eatanswill Gazette ist blau und widmet sich ganz dem Lob für die edlen Blauen und dem Beleidigen der perfiden und bösen Buffs; bei der Eatanswill Independent geht es auf der anderen Seite in jeder Frage ebenso leidenschaftlich zu. Kein Buff würde davon träumen, den "abscheulichen und beleidigenden Verleumder, die Gazette", oder ein Blue das "falsche und skurrile Geschreibsel des Independent" zu lesen.

Wie bei Dickens üblich, ist es sowohl übertrieben als auch korrekt. Früher waren Zeitungen schreiend parteiisch, bevor der "Journalismus" erfunden wurde. Bald folgten Journalisten-Schulen, Journalismus-Ethik und objektiver Journalismus: "echter Journalismus", wie sie es gerne nennen (RT ist das natürlich nicht). "Journalismus" wurde zu einem Beruf, der mit akademischem Unsinn vergoldet wurde; nicht mehr die Zuflucht von Aussteigern, Säufern, Versagern, angehenden Schriftstellern und Magnaten wie Lord Copper, die wissen, was sie wollen und dafür bezahlen.

Aber trotz des Vorwandes von Objektivität und Standards gab es immer noch Lord Coppers und viel Eatanswill. Dennoch gab es mehr oder weniger ernsthafte Bemühungen, die Fakten zu ermitteln und eine Geschichte ausgeglichen zu schildern. Und Lord Coppers kam und ging: Große Zeitungsimperien stiegen auf und zerfielen, und es gab tatsächlich eine ganze Reihe von Besitzern und Nachrichtenagenturen. Es gab genügend Varianz, dass ein Leser, der weder Blue noch Buff war, triangulieren und ein Gefühl dafür entwickeln konnte, was vor sich ging.

Irgendwo in der Mitte zwischen Pravda und Izvestiya

In der Sowjetunion wurden die Nachrichten kontrolliert; es gab keine "freie Presse"; es gab einen Besitzer und die Geschmacksrichtungen waren nur geringfügig unterschiedlich: die Armeezeitung, die Zeitung der Partei, die Zeitung der Regierung, Zeitungen für Literatur- und Sportinteressierte. Aber sie alle sagten das Gleiche über die großen Themen. Die beiden wichtigsten Zeitungen waren die Pravda ("Wahrheit") und die Izvestiya ("Nachrichten").

Dies führte schnell zu dem Witz, dass es in der Pravda keine Wahrheit und in der Izvestiya keine Nachrichten gab. Es war alles ziemlich plumpes Zeug: viele fette Kapitalisten in Zylindern und mit Geldsäcken; Uncle Sams Kleidung, aus der Bomben tropften; keine Probleme hier, nichts als Probleme dort. Und es war keine sehr erfolgreiche Propaganda: Die meisten ihrer Leser kamen zu dem Schluss, dass die sowjetischen Medien sowohl über die UdSSR als auch über den Westen lügen.


   

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Aber die Zeit schreitet fort. Und während vor dreißig Jahren 50 Unternehmen 90% der US-Nachrichtenmedien kontrollierten, sind es heute nicht sehr unterschiedliche sechs. Infolgedessen gibt es zu vielen Themen nur eine Sichtweise: Hat auch nur eine westliche Nachrichtenagentur eine dieser zehn wahren Aussagen gemeldet?

  1. Die Bewohner der Krim sind ziemlich glücklich, dass sie zu Russland gehören.
  2. Die USA und ihre Vasallen haben den Dschihadisten eine enorme Menge an Waffen geliefert.
  3. Die Wahlen in Russland reflektieren anerkannte Meinungsumfragen.
  4. Es gibt in der Ukraine tatsächlich eine beängstigende Anzahl an gut bewaffneten Nazis.
  5. Assad ist in Syrien ziemlich populär.
  6. Die USA und ihre Vasallen haben Rakka in Schutt und Asche gelegt.
  7. Die offizielle Skripal-Geschichte ergibt sehr wenig Sinn.
  8. Die Ukraine ist in jeder Hinsicht wesentlich schlechter dran als vor dem Maidan.
  9. Russland hatte in Wirklichkeit schon vor dem Maidan einige tausend Soldaten auf der Krim.
  10. Es gibt eine Dokumentation, die Browder bloßstellt und deren Ausstrahlung er verhindert.

Ich habe das so getippt, wie es mir gerade in den Sinn kam. Mir würden ganz einfach noch zehn weitere einfallen. Es gibt einige kleinere Berichte, weit hinten versteckt, sodass Objektivität vorgetäuscht werden kann, aber die meisten westlichen Medienkonsumenten würden antworten, dass sie es nicht kennen; sind; wo?; nicht; nein; was? - nie davon gehört.

Das Medienschiff segelt weiter, als wäre nichts passiert

Viele Themen werden in westlichen Medien nur mit einer Stimme behandelt. Ab und zu gibt es einen Skandal, der zeigt, dass "Journalisten" für das Schreiben von passenden Geschichten reichlich belohnt werden (wie beim SPIEGEL). Aber nach den Offenbarungen und Eingeständnissen der Verzerrung, die so tun, als wäre es nie passiert, segelt das Medienschiff ruhig weiter (und verliert dabei Passagiere.

Die Berichterstattung über bestimmte Themen ist zu fast 100% falsch: Auffallend sind Putin, Russland, Syrien und die Ukraine. Aber auch ein Großteil der Berichterstattung über China und den Iran. Viele Dinge über Israel sind nicht erlaubt. Die Geschichte der russischen Verschwörung wird (privat) von einem Sender, der nonstop darüber berichtet, als gefälscht eingestuft.

Alles über Trump ist so stark aromatisiert, dass es ungenießbar ist. Und es wird nicht besser: Die Politische Korrektheit schließt überall Türen und das russisch geprägte "Fake News"-Meme schließt sich immer mehr. Die Wissenschaft ist reguliert, aber die Geschlechter nicht, und wir sollen auf den "russischen Desinformationskrieg" achten. Jeder Tag bringt uns einem Monomedium der Einen Korrekten Meinung einen Schritt näher. Natürlich alles aus den bestmöglichen Motiven.

Es ist eigentlich alles ziemlich sowjetisch

Also, in einer Welt, in der die Integrity Initiative unsere Steuergelder ausgibt, um sicherzustellen, dass wir nie auf falsche Gedanken kommen oder in Versuchung geraten, kriminell zu denken (und vielleicht haben sie sich die ganze Skripal-Geschichte ausgedacht – minütlich kommen mehr Enthüllungen), was sollen wir von unseren Freien Medien™ halten? Nun, das hängt alles davon ab, woran du interessiert bist.

Wenn es sich um Sport handelt (nicht um russische Athleten – alles Doper, im Gegensatz zu tapferen westlichen Asthmatikern) oder "Strand-Körper" (natürlich keine russischen Doper, nur gesunde Amerikaner), dann ist die Berichterstattung ziemlich vernünftig, auch bei Wetterberichten zum Beispiel (ausgenommen sibirische Kälte), oder Filmkritiken (außer diese russischen Schurken. Aber der Rest ist eine seltsame Fusion von Eatonswill Gazette und Independent: die Blauen/die Buffs gut! Die anderen, besonders die Russen, schlecht!


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Also, wie man in Russland sagt, что делать? Was ist zu tun? Nun, ich schlage vor, wir lernen aus der sowjetischen Erfahrung. Schließlich waren die meisten sowjetischen Bürger gegenüber ihren Heimatmedien viel skeptischer als alle meine Nachbarn, Freunde oder Verwandten gegenüber ihren.

Ich habe drei Vorschläge:

1. Lies zwischen den Zeilen. Eine schwierige Kunst, die gelernt und geübt sein will. Dissidenten schicken uns vielleicht Hinweise aus dem Darm von Minitrue (das Ministerium für Wahrheit in 1984). Zum Beispiel ist es unmöglich, sich jemanden vorzustellen, der ernsthaft sagt: "Wie Putins Russland den Humor in eine Waffe verwandelte"; es muss geschrieben worden sein, um sich über die offizielle russische Panik subversiv lustig zu machen. Ich habe an anderer Stelle spekuliert, dass die Autoren vielleicht Hinweise eingefügt haben, dass die "Geheimdienstberichte" über die russische Einmischung Unsinn waren.

2. Achte genau darauf, was sie dir nicht sagen. Zum Beispiel: Erinnerst du dich, als Aleppo vor zwei Jahren eine große Geschichte war? Aber jetzt gibt es nichts mehr darüber. Man sollte sich fragen, warum nicht; eine schnelle Suche findet solche Videos (oops! Russisch! kein echter Journalismus!), und hier ist eines von Euronews. Nichts davon passt zu den "letzten zerstörten Krankenhäusern" und den brutalen Assad-Stories von vor zwei Jahren; deshalb ist das Thema aus den westlichen Medien verschwunden. Es ist immer eine gute Regel, sich zu fragen, warum die größte Geschichte aller Zeiten plötzlich verschwindet: Das ist ein starker Hinweis, dass es eine Lüge oder ein Unsinn war.   

3. Meistens liegen Sie richtig, wenn Sie das genaue Gegenteil von dem glauben, was in der Zeitung steht. Besonders, wenn alle Medien das Gleiche sagen. Es ist immer gut, sich selbst zu fragen: Wer hat welchen Nutzen davon, dass er einen etwas glauben macht? Es ist ziemlich deprimierend, wie erfolgreich die große Einheitslüge ist: Obwohl der viel dämonisierte Milosevic schließlich für unschuldig befunden wurde, obwohl Gaddafi sein eigenes Volk nicht "bombardierte", werden ähnliche Lügen über Assad und andere westliche Feinde geglaubt. Glaube das Gegenteil, es sei denn, es gibt einen sehr guten Grund, es nicht zu tun.

Im Kalten Krieg ging die Vorstellung um, dass sich das sowjetische und das westliche System annähern und dass sie sich sozusagen in der Mitte treffen würden. Nun, vielleicht haben sie sich getroffen, aber sie bewegten sich weiter aneinander vorbei. Und so ähneln die einst einigermaßen freien und vielfältigen westlichen Medien jetzt den kontrollierten sowjetischen Einheits-Medien, und wir im Westen müssen anfangen, sowjetische Methoden anzuwenden, um sie zu verstehen.

Denkt immer daran, dass die sowjetischen Herrscher behauptet haben, dass auch ihre Medien frei seien. Frei von "falschen“ Nachrichten natürlich.

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