Die große Demontage

von Markus Gärtner

Ich bin jetzt 58 Jahre alt und seit 32 Jahren Journalist. Als ich im Südwesten Deutschlands in der Nähe von Karlsruhe aufwuchs und sozialisiert wurde – in den 70er, 80er und 90er Jahren -  da habe ich Politik immer als groß angelegten, geduldigen und überwiegend durch Parteien organisierten Versuch gesehen, die Lebensumstände einer Gesellschaft und deren Perspektiven andauernd irgendwie zu verbessern und bei dem erzielten Fortschritt möglichst viele Menschen mitzunehmen. Meine überwiegend politische Sozialisierung durch zwei Energiekrisen, den Kalten Krieg, die ideologische Spaltung der Welt, aber auch weitreichende Ereignisse wie die Protestbewegungen der 60er bis 80er Jahre, der Doppelbeschluss der NATO und später die Anschläge der RAF (Christian Klar war in unserem Gymnasium Schulsprecher), haben aus mir schleichend aber nachhaltig einen politischen Menschen gemacht. Ich habe Politik dann auch studiert, zusätzlich Volkswirtschaft und Kommunikationswissenschaften, um Journalist zu werden. Ich wollte mit Neugier, durch permanentes Hinterfragen des Geschehens und mit meiner Tastatur an der ständigen Verbesserung der Welt mitarbeiten.

Wer aufklären will, wie Journalisten, muss sich dafür jedoch erst einmal selbst gut informieren. In der Mitte der 90er Jahre brach ich daher zu einer journalistischen Weltreise auf. Sie führte mich zwei Jahrzehnte lang durch die USA, Malaysia, China und Kanada. Ich habe im US-Kongress gearbeitet, in einem islamischen Land gelebt, die größte aufsteigende Wirtschaftsmacht bis in die Eingeweide studiert und schließlich im Norden des amerikanischen Doppelkontinents den Niedergang der aktuellen Weltmacht einsetzen sehen.

Es ist nicht mehr dasselbe Land

Ich bekam viel mehr, als ich jemals wollte: nach Europa, wo ich aufgewachsen war, auch Asien und Nordamerika kennenlernen. Ich hatte großes Glück, spannende Zeiten und richtige Umwälzungen zu erleben. Mit der asiatischen Finanzkrise, die ich von Kuala Lumpur aus in der ersten Reihe beobachten konnte, später auch mit Chinas WTO-Beitritt und den beschleunigten Reformen, die ich für das Handelsblatt von Peking aus verfolgen und beschreiben durfte sowie als Reisekorrespondent für deutsche Magazine mit Basislager im pazifischen Teil Kanadas während und nach der Finanzkrise 2008, habe ich reichlich Anschauungsunterricht erhalten und aus der Ferne auch noch viel über Deutschland dazugelernt, vor allem von Kanada aus, das riesig, rohstoffreich und dünn bevölkert ist – und mit den USA nur einen Nachbarn hat. Deutschland dagegen ist klein und dicht bevölkert, besitzt wenig Rohstoffe und hat viele Nachbarn – und damit viel Wettbewerb. Kanada kann Gold, Zink, Gas und Öl fördern. Deutschland kann nur darauf bauen, in einem kompetitiven europäischen Umfeld möglichst gute und viele Talente zu fördern und zahlreiche Ingenieure hervorzubringen. Die Schulen sind unsere Bergwerke.

Ich habe die Revolution verpasst

Mit Erfahrungen und Einsichten im Rest der Welt bis zum Bersten gefüllt, zog es meine Familie und mich Ende 2014 zurück nach Deutschland. Aus dem Globetrotter wurde ein geerdeter Journalist, der sich seitdem die Haare rauft angesichts der Entwicklungen, die er in seiner alten Heimat sieht. Ich kam mir in den vergangenen vier Jahren oft vor wie Rip van Winkle im Roman von Washington Irving, der irgendwo in den Bergen 20 Jahre verschlafen hatte und schließlich aufwachte um zu erfahren, dass eine Amerikanische Revolution stattgefunden hatte.


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Ich habe eine deutsche Revolution verschlafen, den großen Linksruck in diesem Land und die Revolution in der Art und Weise, wie Politik gemacht wird. Mein Politikverständnis hatte sich völlig überlebt. Ich musste es entstauben, weil es in unserem Land nicht mehr um den gesellschaftlichen Streit geht, der Ideen erzeugt und damit Lösungen für die permanente Verbesserung unserer Gesellschaft liefert. Was ich seit 2014 beobachte, ist ein groß angelegtes kulturmarxistisches Laborexperiment, bei dem sich Parteifunktionäre, die die Macht über das Parlament erlangt haben, nur noch im Sattel zu halten versuchen, sich schamlos aus den prall gefüllten Töpfen bedienen und sich ideologisch selbstbefriedigen.

Die bunte Gesellschaft, auf Teufel komm raus

Dieser Kaste geht es um den Bau einer bunten Gesellschaft, für die der Nationalstaat aufgelöst sowie Traditionen und Bindungen aufgehoben werden. Der große sozialistische Einheitsbrei wird gerührt. Das Koordinatensystem dieser Gesellschaft wird durch Migration, die Moralisierung der Politik und die Relativierung der Gesetze aufgelöst. Die unkontrollierte Migration beschleunigt diesen Prozess.


Die Demontage Deutschlands wird auch durch ein VIDEO deutlich,
das zu den populärsten in unserem TV-Kanal gehört

 


Die Folgen dieser Politik, die nicht mehr den Menschen in den Mittelpunkt stellt, sondern die Ideologie und dazu noch das Globalisierungs-Mantra der Neoliberalen, sind prekäre Arbeit, Altersarmut und das weit verbreitete Gefühl der Menschen, abgehängt und nur noch Verfügungsmasse und Lastesel zu sein. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr mitgenommen, sondern von der politischen Kaste fallen gelassen, ja abgewiesen. Dabei wachsen soziale Spannungen, kulturelle Entfremdung, ideologische Aufladung und die Wut in weiten Teilen der Bevölkerung, die sich von der Politik verlassen, von den Medien verschaukelt und von den Gesetzen nicht mehr in jedem Fall geschützt sieht. Vieles schrumpft: der Meinungskorridor, die Teilhabe an der politischen Willensbildung, der Einfluss der Gesetze, die Agilität der Gesellschaft und der Wirtschaft und das Gefühl der Menschen, in einem ganz überwiegend sicheren „Raum“ zu leben.

Freie Wahlen werden unter den Bus geworfen

Die Nachrichten der vergangenen Tage zeigen, wie sich dieser Prozess in jüngster Zeit beschleunigt und wie er ungeahnte Extreme erreicht. Brandenburg, so lesen wir, schreibt mit seinem „Parité“-Gesetz den Schlüssel zwischen Frauen und Männern bei den Landtagswahlen fest und macht dabei – völlig verfassungswidrig – gesetzliche Vorgaben für die Ergebnisse „freier Wahlen“, wie sie das Grundgesetz einst versprach. Die SPD ruft per Twitter auf, zu „feiern“, dass es den Wählern im ersten Bundesland jetzt gesetzlich verboten wird, ihre Wahlentscheidungen unabhängig vom Geschlecht der Kandidaten zu treffen. Was kommt als Nächstes? Die Verkündung des Ergebnisses vor der Wahl? Hier wird für die Erreichung eines ideologischen Ziels die Wahlfreiheit unter den Bus geworfen.

Die Kette der Grausamkeiten wird immer länger: erst verengen die politische und die mediale Kaste den Meinungskorridor, dann geben sie die „richtige“ Sprache vor, erhöhen den Konformitätsdruck durch wachsende Politische Korrektheit, stellen ganze Bundesländer wie Sachsen unter Generalverdacht, Nazis zu sein; schließlich werden Kritiker der Regierung dem Mob der Antifa und der Gesinnungs-Schnüffelei durch linksextreme Organisationen wie die Amadeu-Stiftung ausgesetzt. Und jetzt beginnt man, Wahlergebnisse festzulegen, zumindest was die Genderverteilung angeht.

In der Bildungspolitik werden die Messlatten weggeworfen

Aber das ist nicht alles. In Hessen dürfen die Schulen künftig auf Noten verzichten. Das ist – aus linker Sicht – ein konsequenter Schritt. Denn wenn sich immer mehr Wut und Opposition im Wahlvolk aufstauen und die schweren Rückschläge missratener Bildungspolitik durch internationale Vergleiche immer deutlicher vor Augen geführt werden, dann hilft gegen dieses Politikversagen nur noch eins: man wirft die Messlatte weg. Wo Erfolg oder Misserfolg nicht mehr gemessen wird, ist auch die Kritik ausgeschaltet. Jegliches Unbehagen, sämtlicher Widerspruch oder Kritik an der laufenden Bildungsmisere und der zugrunde liegenden Politik, können als „populistisch“, unbegründet oder lediglich als „gefühlt“ abgetan werden, denn Leistung ist nicht mehr messbar und Kritik fortan nur noch schwer belegbar.

Wohin das alles führen kann, hat Imad Karim auf seiner Facebookseite in dieser Woche zu skizzieren versucht: „Ich bin mir sicher, dass -wenn bald kein Wunder geschieht - in weniger als 40 Jahren chinesische Friedenstruppen in Deutschland stationiert werden, um zwischen den Bürgerkriegsparteien Pufferzonen zu bilden - und ich bin mir sicher, dass China durch große Anreize dafür sorgen wird, dass die wichtigsten und klügsten Köpfe der Wissenschaft und Wirtschaft in Deutschland nach China auswandern werden, weil sie dort als Privilegierte arbeiten und forschen können.“

Das, liebe Leser, wäre die Vollendung der laufenden Demontage Deutschlands.