BILD-Chefredakteur
Julian Reichelt sorgt für Verwirrung

Von Wolfgang Effenberger

 

 

Am 28. April versetzte der Bild Chefredakteur Julian Reichelt mit einer sensationellen Video-Erklärung sein Publikum in Erstaunen:(1) Ob die in der Coronakrise getroffenen Maßnahmen „richtig oder falsch, maßvoll oder überzogen sind, werden wir erst aus den Geschichtsbüchern erfahren“, sagte er. Vollkommen offen sei es, ob „wir auf Corona als Gesundheitskatastrophe oder Zusammenbruch unserer Wirtschaft zurückblicken“ werden. Es sei keinesfalls gewiss, dass richtig ist, „was gewaltige Mehrheiten für richtig halten“. Reichelt stellte fest:

„Es gibt keine Herdenimmunität dagegen, historisch katastrophal falsch zu liegen…nahezu alle Experten, denen wir uns in dieser Krise anvertrauen müssen, lagen in nahezu jeder Einschätzung so falsch, dass sich unser Glaube an sie nur noch mit Verzweiflung erklären lässt.“ Nun folgt der Vorwurf an die Politiker: „Sie haben das Tragen von Masken nahezu verhöhnt, nun ist es Pflicht, sie haben davor gewarnt, Schulen und Kitas zu schließen, nun sind Millionen Kinder seit Wochen zu Hause. Sie haben es als nutzlos abgetan, die Grenzen abzuriegeln, nun kommt niemand mehr ins Land [ausgenommen der Shuttle-Service für Migranten, W.E.]“

Weiter kritisierte Reichelt das "Robert-Koch Institut" (RKI), „welches davon abriet, Corona-Tote zu obduzieren, nun geschieht es trotzdem, und Rechtsmediziner sagen, dass bei weitem nicht alle Toten an Corona gestorben seien“.

Die meisten Sorgen macht sich Reichelt um die Wirtschaft, die jetzt so massiv und teilweise irreparabel geschädigt sei, „dass unsere Regierung kaum noch zugeben kann, in ihrer Schärfe überzogen zu haben. Die Experten müssen Recht behalten, weil sie nicht falsch liegen dürfen“. Den Ruin der deutschen Wirtschaft würde kaum eine Partei, vielleicht nicht einmal die Demokratie überleben: „Deswegen erleben wir zunehmend Sturheit, Starrsinn und Rechthaberei. Erinnert mich an die Flüchtlingskrise, sagte mir [Reichelt, W.E.] ein Mitglied aus Merkels Regierung. Die Kanzlerin bezichtigt jeden Zweifler der Öffnungsdiskussionsorgie, raunt davon, manche würden zu forsch handeln, ohne zu sagen, was sie genau meint“.

Abschließend erinnerte Reichelt an die Warnung Wolfgang Schäubles vor zu großen Eingriffen in die Grundrechte und unterstrich den absoluten Wert des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen – sie ist unantastbar, aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen. Die Demokratie zeichnet sich im Gegensatz zu den Ideologien mit ihrem Absolutismus darin aus, dass sie auch die unbequemsten Debatten aushält. „Das einzige was in der Demokratie alternativlos ist, ist die Debatte“. Wird diese aber verhindert, macht sich die Demokratie überflüssig. Der Bild-Chefredakteur als Verteidiger der Demokratie? 

Reichelts infamer Brief an Chinas Präsidenten

Doch knapp zwei Wochen vorher, am 16. April 2020, hatte sich der Bild-Chefredakteur mit einem offenen Brief (auch per Video) an den chinesischen Präsidenten Xi Jinping gewandt. Vorausgegangen war ein offener Brief der chinesischen Botschaft vom 15.4. an Herrn Reichelt, weil BILD die Frage aufgeworfen hatte, ob China für den gigantischen wirtschaftlichen Schaden aufkommen sollte, den das Corona-Virus derzeit weltweit anrichtet. Abschließend hieß es in diesem Brief: „Erlauben Sie mir zum Schluss noch eine persönliche Bemerkung: Wir betrachten den Stil, in dem Sie in Ihrer heutigen Berichterstattung auf der Seite 2 gegen China "zu Felde ziehen", als infam. Ihr Bericht entbehrt nicht nur ganz wesentlicher Fakten und genauer Zeitabläufe, sondern auch eines Mindestmaßes an journalistischer Sorgfaltspflicht und Fairness. Wer so aufrechnet, wie Sie das mit der BILD-Zeitung von heute tun, schürt Nationalismus, Vorurteile sowie Fremden- und Chinafeindlichkeit. Es wird weder der traditionellen Freundschaft zwischen beiden Völkern noch einem seriösen Verständnis von Journalismus gerecht“(2).

Das Sprachrohr der US-Regierungen

Reichelts  offener Brief an den Präsidenten ist in weit weniger höflichem Ton gehalten. In Punkt 1 greift er ihn sogleich direkt an: „Ohne Überwachung wären Sie nicht Präsident.“ Nach einer Aufzählung aller bekannten Sünden Chinas – Unrecht, Unfreiheit, Ideenklau usw. – kommt er in Punkt 5 zu dem Schluss: „Ich glaube, dass Corona über kurz oder lang Ihr politisches Ende bedeutet“ (3). Was für eine Arroganz gegenüber dem Präsidenten eines riesigen Landes! Reichelt hätte besser das alte Sprichwort "Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen" berücksichtigen sollen. Nach Aussage des ehemaligen SPD-Ministers Andreas von Bülow wurde die Bild-Zeitung mit 7 Millionen US-Dollar von der CIA gegründet,(4) seither ist sie das Sprachrohr der US-Regierungen.

Allein in den sogenannten "Kriegen gegen den Terror" haben die USA unzählige Kriegsverbrechen begangen – einschließlich Verschleppung, Folter und Drohnenmorde. Der "Internationale Strafgerichtshof" hat Ermittlungen gegen die USA aufgenommen!(5) Der Vorwurf des Ideenklaus fällt Herrn Reichelt ebenfalls auf die Füße: Von der technischen Industrialisierung Englands im 19. Jahrhundert holte sich Deutschland die Ideen, die größte Kriegsbeute der USA nach 1945 waren die deutschen Patente und mit der Operation "Paperclip" wurden die deutschen Wissenschaftler in die USA verbracht.(6) Bis heute werden deutsche Unternehmen von US-Diensten ausgeforscht und wichtige Daten abgesaugt. Der Vorwurf des "Ideenklaus" gegen China, welches in 5.000 Jahren alle möglichen Erfindungen selbst hervorbrachte, erscheint in diesem Zusammenhang ziemlich unangebracht.

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt in der Pose des UN-Chefanklägers 16.4.2020

Über Reichelts Angriff auf das Reich der Mitte berichteten "Radio France Internationale", "Radio China International", "World Socialist Web Site" oder "The Jerusalem Post".(7)

Die beiden Videos Reichelts, die nur 12 Tage auseinanderliegen, sind scheinbar schwer miteinander zu vereinbaren: US-konforme Kritik am feindlichen China und Opposition gegen die Lock-Down-Politik der Bundesregierung – Richtungswechsel oder Finte? Weder noch! Reichelt propagiert Trumps Kriegsvorwände gegen China und befördert gleichzeitig die Wirtschafts- und Finanzinteressen der US-Oligarchen, die nur absahnen können, wenn in Europa die Wirtschaft brummt.

Am 1. Mai findet sich diese Botschaft in der BILD:

 

Der Medienkrieg gegen China geht weiter. "Bild" ist ein Sprachrohr Trumps und seines Geheimdienstdirektors, des US-Botschafters in Deutschland, Richard Grenell! Der Springerverlag ist seit Ende 2019 noch enger an die US-Oligarchie gebunden als vorher: Der große börsennotierte US-Finanzinvestor KKR mit Sitz in Manhattan hält beim Berliner Medienkonzern Axel Springer inzwischen die Mehrheit.(8) Die Beteiligungsgesellschaft KKR –  Jerome Kohlberg, Henry Kravis und George R. Roberts – betreibt das "leveraged-Buy-out"-Geschäft. Das sind Unternehmensübernahmen, die überwiegend durch Fremdkapital finanziert sind. Firmen mit diesem Geschäftsmodell bezeichnet man gemeinhin als Heuschrecken, da sie die übernommenen Firmen oft lediglich ausschlachten. Henry Kravis ist Republikaner und hat Trumps Wahlkampf unterstützt, man kann also bei ihm eine Nähe zu Trumps politischen Zielen vermuten. Mit der Mehrheit am Axel-Springer-Konzern verfügt KKR nun über eine gewaltige Medienmacht in Deutschland. Wie KKR diese Macht über die öffentliche Meinung nutzen wird, darüber kann man nur spekulieren.

Anmerkungen

1) Reichelt, 28. April 2020 unter https://www.youtube.com/watch?v=4AHUTRqUaTk

2) Offener Brief der Sprecherin der chinesischen Botschaft in Deutschland an die BILD-Chefredaktion bezüglich der Berichterstattung vom 15. April 2020

3) https://www.bild.de/politik/ausland/politik-ausland/corona-krise-bild-chef-schreibt-an-chinas-staatschef-70087876.bild.html

4) Andreas von Bülow im Gespräch mit Michael Vogt am 06.05.2017 unter https://www.youtube.com/watch?v=s4AIP7jCmlE

5) Kriegsverbrechen in Afghanistan: Internationaler Strafgerichtshof nimmt Ermittlungen gegen USA auf vom 13.03.20 unter https://www.fr.de/politik/kriegsverbrechen-afghanistan-strafgerichtshof-ermittlungen-beteiligung-usa-13592188.html

6) DIE GRÖSSTE KRIEGSBEUTE DEUTSCHLANDS PATENTE vom 06.06.1951 https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-29194050.html

7) Bild“-Chef Reichelt attackiert China Weltgesprächsstoff Nr. 1b https://www.deutschlandfunk.de/bild-chef-reichelt-attackiert-china-weltgespraechsstoff-nr.2907.de.html?dram:article_id=475294

8) Springer-Einstieg ist perfekt: US-Finanzinvestor KKR hat alle Freigaben erhalten 10.12.2019 https://meedia.de/2019/12/10/springer-einstieg-ist-perfekt-us-finanzinvestor-kkr-hat-alle-freigaben-erhalten/

Die Redaktion: Wir danken Wolfgang Effenberger ganz herzlich für die Überlassung seines Textes.

 

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