„Böse Geister der Vergangenheit
und die neuen Gewänder“:
Bundespräsident Steinmeier

Von Willy Wimmer

 

Wir haben es mit einer Bundesregierung und einem Bundespräsidenten zu tun, die keinen Anlaß gesehen haben, am 28. Juni 2019, dem einhundertsten Jahrestag von „Versailles“, an die perfide Planung des Zweiten Weltkrieges durch die Initiatoren von Versailles zu erinnern. Man muß nicht alleine den britischen Wissenschaftler Keynes als Mitglied der damaligen britischen Delegation mit seiner Ansicht über die Gewißheit des nächsten Krieges als Ergebnis von „Versailles“ heranziehen. Der russische Präsident Putin hat in seiner zukunftsweisenden Rede am 20. Dezember 2019 in St. Petersburg auf das Verhängnis von „Versailles“ für gerade Deutschland hingewiesen.

In den russischen Berichten über diese Rede wurde darauf aufmerksam gemacht, daß einer der Architekten des Ersten Weltkrieges, der französische Marschall Foch, diese Ansicht 1919 durchaus präzisierte. Er sprach von dem nächsten Krieg, der in zwanzig Jahren wieder losbrechen würde. Foch dachte an 1939 und sollte es genau vorhersehen. Es ist der Marschall Foch, dem US-Präsident Trump im Sommer 2017 im Invalidendom zu Paris an seinem Grabmal Tribut zollte.

Das Versagen der deutschen Staatsspitze ist nicht damit abgetan, daß es sich um eine Angelegenheit handeln würde, die nun einmal einhundert Jahre zurückliegen würde. Die katastrophalen Fehler von „Versailles“ liegen geradezu auf einem „historischen Tablett“. Dieses „Versailles“ links liegen zu lassen, bedeutet unter den heute herrschenden Bedingungen, die Fehler von damals sehenden Auges wiederholen zu wollen und diesmal gegen einen Nachbarn weiter östlich vorzugehen.

Was macht Geschichte für einen Sinn, wenn man keine Konsequenzen daraus ziehen will?

Muß das grenzenlose Elend wiederholt werden und Geschichte für den ewiggleichen Zweck auch noch umgeschrieben werden? In Deutschland wurde nicht darüber berichtet, was der ukrainische Präsident dem Vernehmen nach bei den Gedenkveranstaltungen in Auschwitz in seiner Rede gesagt haben soll. Danach hat er in der Verantwortung für das Grauen des Zweiten Weltkrieges das nationalsozialistische Deutsche Reich und die kommunistische Sowjetunion geradezu gleichgesetzt.

Deutsche Mainstream-Medien schreiben und senden das auch und sie machen es am Hitler-Stalin-Pakt fest. Wissen die Vorgenannten, welchen ungeheuren Vorwurf sie denjenigen machen, die einen Blutzoll unvorstellbaren Ausmaßes gezahlt haben? Dann kann mit Fug und Recht gesagt werden, daß diese blutige Konsequenz in dem Verhalten der britischen Delegation bei Stalin lag, die ohne jedes Verhandlungsmandat für ein Abkommen zu Stalin geschickt worden war, als die Emissäre aus Berlin eintrafen.

Warum weigert sich die Bundesregierung und warum weigert sich der Bundespräsident, gegenüber der Russischen Föderation nicht jene friedensstiftenden Konsequenzen an den Tag zu legen, wie sie 1648 und 1915 nach desaströen europäischen Konflikten die europäische Diplomatie bestimmten. Warum weist der Herr Bundespräsident wieder und wieder darauf hin, ein bestimmtes Geschichtsbild festzuzurren, wenn er „Versailles“ als das „Tor zu Hölle“ geradezu unterschlägt?

Es darf keinen Schlußstrich unter irgendetwas in der Dimension der beiden Weltkriege geben. Nicht zuletzt deshalb, weil nur die Offenheit sicherstellt, daß keine gesellschaftlichen Faulgase entstehen. Leistet die deutsche Staatsspitze genau diesem Übel durch ihr Verhalten Vorschub? Noch hat man die Möglichkeit, das deutsche Volk über die Maulkorb-Medien zu kujonieren, aber um welchen Preis?


Abonnieren Sie unser Politikmagazin "PI Politik Spezial"

Wer jetzt bestellt, bekommt den neuen Bestseller von Prof. Max Otte, "Weltsystemcrash", gratis zugeschickt

Sie sparen im ersten Jahr 80%


Wir haben mitgemacht, als die USA die UN zum Anhängsel der NATO gemacht haben

Konsequenzen sind aus der Geschichte unbedingt zu ziehen und es ist die Rechtsordnung eines Staates, die der vornehmste und friedensstiftende Ausdruck dafür ist. Als der Herr Bundespräsident im Deutschen Bundestag in diesen Tagen von den „bösen Geistern in neuen Gewändern“ sprach, hätte er einen Augenblick länger bei diesem Gedanken verweilen sollen.

Sind es nicht vielmehr die „bösen Geister in alten Gewändern“, die das deutsche Volk erneut staatlicherseits ins Verhängnis führen? Wo ist der flammende Appell des Herrn Bundespräsidenten, die Friedenspflicht des Grundgesetzes umzusetzen und den Schwadroneuren im Bundeskabinett in den Arm zu fallen, wenn sie wieder weltweit militärisch auftreten wollen? Wo sind der Herr Bundespräsident und der Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, wenn deutsche Soldaten wieder ohne ein Mandat der Vereinten Nationen in Kriege geschickt werden?

Deutschland sollte und wollte sich an die Charta der Vereinten Nationen und die dort festgelegte Einhegung des Krieges halten. Seit 1999 demontieren wir das einzige internationale Instrument, das zwischen dem Zweiten Weltkrieg und uns heute steht:  die Charta der Vereinten Nationen. Stattdessen haben wir mitgemacht, als die USA die UN zum Anhängsel der NATO gemacht haben.

Wo ist der Herr Bundespräsident, der bei der NATO in Brüssel mit der Faust auf den Tisch haut, weil die NATO jede Rechtfertigung nach der Charta der Vereinten Nationen als seit 1999 globales Aggressionsbündnis verloren hat?

Redaktion: Wir bedanken uns ganz herzlich bei Willy Wimmer für die freundliche Überlassung seines Textes