COVID-1: Von Schulöffnungen,
ganz großen Kindern und ganz vielen Tests

Von Dr. Jorg Schierholz

 

 

Hinweis der Redaktion: Der folgende Beitrag stammt aus der Feder des Arztes und Biochemikers Dr. Jörg Schierholz. Der Text erschien zuerst in der Wochenzeitung Junge Freiheit. Wir danken dem Autor und der JF für die Überlassung.

 

Je niedriger in Westeuropa die Neuinfektionszahlen geraten, umso heftiger wird um den richtigen Weg zur Öffnung in die neue Normalität nach Corona gerungen. Besonders starker Druck wird vom Deutsche Kinderhilfswerk, Kinderärzten sowie Elternvertretern ausgeübt, Kitas und Schulen strukturiert und konsequent wieder zu öffnen.

Die Verbände machen unter anderem geltend, Schulschließungen widersprächen dem Recht der Kinder auf Bildung und hätten für die Betroffenen erhebliche psychische und soziale Konsequenzen. Jetzt hält sogar Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) eine baldige flächendeckende und zugleich verantwortungsvolle Öffnung von Schulen und Kitas für wünschenswert.

Schulen und Kitas wurden geschlossen, um Infektionsketten zu unterbrechen und Neuansteckungen zu reduzieren. Da Kinder im Regelfall gar nicht oder milder an SARS-CoV-2 erkranken, dienen die Schließungen primär der Eindämmung der Pandemie und letztlich dem Schutz von Hoch-Risikogruppen. Studien aus  China, Italien und den USA zeigen, daß nur ein bis zwei Prozent aller COVID-19 Patienten unter 18 Jahre alt waren. In Island, wo die Kindertagesstätten und Grundschulen im Rahmen der Pandemie nicht allgemein geschlossen wurden, konnte bei keinem Kind unter zehn Jahren SARS-CoV-2 nachgewiesen werden.

Unklar ist, in welchem Ausmaß Kinder relevante Überträger des Virus sind. Schon im Februar 2020 konnte das Joint Mission Team der Welt­gesund­heits­organi­sation WHO nach einer Untersuchung des Ausbruchs vor Ort in China keine Ansteckungen von Erwachsenen durch Kinder feststellen. In sogenannten Haushaltsclustern war in weiteren Studien nur ein Prozent Kinder die Überträger.

RKI rät zur Beschulung der älteren Jahrgänge

In den Niederlanden wurde bei eine Untersuchung festgestellt, daß erkrankte Kinder und Jugendliche keine Kontaktperson angesteckten, bei erkrankten Erwachsen hingegen infizierten sich neun Prozent. Das European Centre for Disease Control (ECDC) formulierte: „Übertragung von Kinder auf Erwachsene scheinen selten zu sein“. Neben dem insgesamt milderen Krankheitsverlauf ist wahrscheinlich auch ein weniger ausgeprägter Hustenstoß bei Kindern für die geringere Übertragungswahrscheinlichkeit verantwortlich.

Schulschließungen basieren schließlich auf Erfahrungen aus der „Spanischen Grippe“ 1918/19 und sind Teil des deutschen Pandemieplans; allerdings ist das Influenzamodell auf die aktuelle Situation nur begrenzt übertragbar. In ihrer dritten Ad-hoc-Stellungnahme riet die Bundesregierung beratende Leopoldina zu einer frühen Öffnung von Grundschulen und Sekundarstufe 1 bei fortgeführter längerer Schließung von Kindertagesstätten.

Das Robert Koch-Institut hingegen rät in einer aktuellen Stellungnahme primär zur Beschulung der älteren Jahrgänge. Diese sich widersprechenden Empfehlungen unterscheiden sich diametral vom Vorgehen in Frankreich, den Niederlanden sowie allen skandinavischen Ländern, da dort vorrangig Schulen und Kindertagesstätten für die jüngeren Kinder geöffnet sind. Weitere „Öffnungsdiskussionsorgien“ zum bis jetzt verhaltenen Start der Beschulung in Deutschland sind somit willkommen.

Warnung Kollateraltoten 

Umgekehrt sollte man mit der Öffnung von Bars und Klubs vorsichtig sein. Koreas Zentrum für Seuchenkontrolle (KCDC), bekannt für die frühzeitig eingeleitete und professionelle Eindämmung des Coronavirus, meldete jüngst einen Ausbruch der Epidemie in einem Seouler Nachtklub und Dutzende von Neuinfektionen. Das Virus wurde vermutlich über Sprechen, Singen oder längere körperliche Nähe eines asymptomatischen Gastes weitergegeben.

Kontrovers wird auch in Großbritannien gestritten. Boris Johnson hat den Briten eine allmähliche Rückkehr zu einem normalen Leben in Aussicht gestellt. Der Stanford-Mediziner, Statistiker und Meta-Forscher John Ioannidis allerdings warnt vor Arbeitslosigkeit, Kollateraltoten und einer „Ära der Massenüberwachung“. Mit der in der Sterblichkeitsrate ausgedrückten Gefährlichkeit des Virus steht und fällt die Verhältnismäßigkeit des Lockdowns.

Die von der WHO im Frühjahr veröffentlichte Sterblichkeit von 3,4 Prozent wäre eine „astronomisch falsche Zahl“, weil ohne sichere Datenbasis erhoben,  da vor allem schwerer Erkrankte häufiger getestet werden als symptomlose Infizierte. Auf dem Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ mit einer relativ betagten Population gab es eine deutlich geringere Todes-Rate von rund 1 Prozent.

Auch die apokalyptischen Prognosen des britischen Epidemiologen Neil Ferguson vom Imperial College, mit bis zu 500.000 Corona-Toten in Großbritannien traten glücklicherweise nicht ein. Allerdings ist Boris Johnson mit einer langsamen und schrittweisen Öffnung gut beraten, da den Briten so noch etwas Zeit bleibt, um den Erfolg der einzelnen Lockerungsmaßnahmen ihrer Nachbarn zu studieren.


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Langes Leugnen

Was haben US Präsident Donald Trump, sein brasilianischer Kollege Bolsonaro und die kalifornische Lichtgestalt Elon Musk von Tesla gemeinsam? Sie schwören in kindlicher Begeisterung für das Malaria-Medikament Hydroxychloroquin als Coronavirus-Prophylaxe. Er nehme seit Wochen Hydroxychloroquin ein, sagte Trump. Er habe „sehr gute Dinge“ über das seit Langem zugelassene Malaria-Präparat gehört. Auf Nachfrage nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Nutzen einer solchen Prophylaxe behauptete Trump, er habe dazu viele Anrufe bekommen und viele Ärzte und Krankenschwestern nähmen es auch vorsorglich ein.

Ende April allerdings warnte die US-Lebensmittel- und Arzneibehörde (FDA) vor dem Wundermittel: Es gebe keine belastbaren Beweise einer Wirksamkeit gegen Covid-19, das Mittel erhöhe aber das Risiko lebensgefährlicher Herzrhythmus-Störungen. Bislang stehen Ergebnisse großer klinischer Studie zu dem Medikament aus. Trump, der wegen des langen Leugnens der COVID-19 Pandemie und des Mangels an Testmöglichkeiten in der Krise in die Kritik geraten war, schießt sich jetzt auf die Gesundheitsbehörde CDC ein, diese hätte das Land im Stich gelassen. Das CDC hatte zunächst einen eigenen Test entwickelt, statt auf bereits vorhandene Tests aus anderen Ländern zurückzugreifen. Der CDC-Test stellte sich dann als fehleranfällig heraus.

Daß ein Exit aus den Corona-Beschränkungen nur über dem Weg von umfangreichen Testungen realisierbar ist, wurde bislang nicht hinreichend berücksichtigt. Seit Beginn der Corona-Krise haben sich laut RKI rund 20.400 Mitarbeiter von Kranken- und Pflegeeinrichtungen mit dem Corona-Virus infiziert und mehr als 19.100 haben die Infektion überstanden. Insgesamt 895 erkrankte Mitarbeiter mußten stationär behandelt werden, 61 verstarben. Unverständlich, daß  bislang das medizinisches Personal mit der höchsten Expositionsrate gegenüber dem Virus  nicht regelmäßig auf Corona getestet wurde. Nun wächst aber die Kritik.

Desaster fehlender Schutzmaterialien

Der Deutsche Städtetag wirft den Krankenkassen vor, teilweise eine Ausweitung von Corona-Tests zu bremsen. „Vereinzelt wird schon versucht, effektive Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern für Corona-Tests zu zerschlagen, anstatt sie weiter zu verbessern“, sagte Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Beispielsweise wurde in einigen Fällen die Finanzierung von Tests in Pflegeheimen, bei Pflegekräften oder im Rettungsdienst kurzfristig aufgekündigt.“ Nun will Gesundheitsminister Jens Spahn die Grundlage für mehr Coronavirus-Tests in Krankenhäusern und Pflegeheimen schaffen. Auch Kontaktpersonen von Infizierten sollen bald getestet werden können. Ungenutzte Kapazitäten gibt es ja genug.

Nach dem Desaster fehlender Schutzmaterialien und Tests hat man  wohl im Gesundheitsministerium die Zeit genutzt, um endlich die verbindlichen Inhalte des nationalen Pandemieplans, der letzten länderübergreifende Krisenmanagementübung der BRD  „Lükex“ und die Ministeriums-Risiko-Analyse Bevölkerungsschutz Bund „Pandemie durch Virus Modi-SARS“ (Bundestagsdrucksache 17/12051  von 2012), die eine COVID-19 ähnliche Pandemie simulierte, zu studieren.

Dort wurden die jetzt in der Krise auftretenden Defizite klar benannt und entsprechende Maßnahmen angemahnt. Jetzt, da der Schaden schon gesetzt ist, kündet Minister Spahn den „Aufbau einer dauerhaften nationalen Reserve an medizinischer Schutzausrüstung“ an. Diese Reserve gewährleistet Sicherheit für mehrere Monate, damit man nicht noch einmal in eine Lage wie im Februar und März kommen würde, als selbst für das medizinische Personal nicht genügend Masken und Handschuhe vorhanden waren.

Tadel von Medien

Das laut ÖRR zeitnahe, professionelle Management der Exekutive wird unpassenderweise durch Berichte von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung getadelt. Danach habe das Gesundheitsministerium nach den anfänglichen Engpässen mittlerweile mehr als 130 Millionen FFP-2-Masken akkumuliert – sei aber nicht imstande, das zum garantierten Abnahmepreis von 4,50 Euro akquirierte Schutzgut dorthin zu liefern, wo es dringend gebraucht wird.

Nicht erwähnt wurde allerdings, daß deutsche Hilfsmittellieferanten das Gesundheitsministerium schon früh im Februar 2020 auf drohende Lieferengpässe bei Schutzmaterialien hinwiesen, und Herr Spahn noch Ende Februar die eigentlich fehlenden Schutzmasken solidarisch nach China verschicken ließ.