Unser Land steigt ab

von Max Otte

 

Hinweis der Redaktion: Der folgende Text ist ein leicht modifizierter Auszug aus dem Deutschland-Kapitel im neuen Buch "Weltsystemcrash" von Prof. Max Otte:

 

Vor anderthalb Jahrzehnten schrieb Gabor Steingart, seinerzeit Journalist beim Spiegel, später Handelsblatt-Herausgeber und derzeitig Herausgeber des vielbeachteten „Morning Briefings“, das Buch „Deutschland – Abstieg eines Superstars“. Wahrscheinlich hätte sich Steingart damals nicht in seinen schlimmsten Albträumen ausmalen können, was seitdem passiert ist.

Nicht nur ist Deutschland abgestiegen, die deutsche Bevölkerung verarmt international gesehen sogar im Vergleich zu Ländern wie Italien, die deutschen Großbanken rangieren international unter „ferner liefen“, die Großkonzerne sind demoralisiert oder in internationaler Hand, der Mittelstand, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, wird durch Gesetze und Regeln Stück für Stück stranguliert.

Noch viel schlimmer – die Deutschen haben unter Kanzlerin Angela Merkel eine erstaunliche Neigung zum wirtschaftlichen Selbstmord entwickelt.

Als ob die deutsche Wirtschaft mit dem Kampf gegen das deutsche Banken- und Finanzsystem nicht schon genug belastet wäre, folgten im Abstand von wenigen Jahren die Energiewende, die Öffnung der Grenze für Migranten und die Offensive gegen das Herzstück der deutschen Industrie, die Autobranche – all das, ohne daß es schon entsprechende Zukunftsindustrien gäbe, die unseren Wohlstand auch in Zukunft sichern werden.

Unsere Wirtschaft hat sich von zwei Weltkriegen wieder erholt

Dabei hatte diese Wirtschaft zwei Weltkriege überstanden und sich wieder erholt. Insbesondere die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, die vielen Toten, die selbstverschuldeten Verluste an Ingenieuren und Wissenschaftlern und der gigantische Abzug von intellektuellem Eigentum hätten Deutschland nach menschlichem Ermessen auf Dauer erledigen müssen.

Der Transfer lief massiv in Richtung Siegermächte, wie Bruno Bandulet in seinem lesenswerten Buch „Beuteland - Die systematische Plünderung Deutschlands seit 1945“ ausführt. Gemessen an den relativ überschaubaren Summen, die der Marshallplan zur Verfügung stellte, wäre der Verlust an Menschen, Wissen und Schlüsselindustrien eigentlich letal gewesen. War er aber nicht. Trotz des extremen Aderlasses und der schwierigen Startbedingungen stieg die westdeutsche Wirtschaft phänomenal und schnell wieder in die Weltspitze auf.

In den 1960er und 1970er Jahren hatte die Bundesrepublik nach den USA und Japan die drittgrößte Volkswirtschaft unter den westlichen Industrienationen, und das trotz einer erheblich kleineren Bevölkerung und Fläche. In den 1980er Jahren wurde sie zweimal Exportweltmeister, das heißt, das Land mit den absolut höchsten Exporten. Und das, obwohl Deutschland geteilt war und zudem massive Flächen- und Bevölkerungsverluste hatte hinnehmen müssen.

Auch 1990 und von 2003 bis 2008 exportierte Deutschland absolut am meisten, bevor es bereits vor zehn Jahren von der Volksrepublik China abgelöst wurde. Schon vor dem Euro und vor dem Vertrag von Maastricht, also in den 1980er Jahren, wies die Bundesrepublik eine wesentlich offenere Volkswirtschaft auf als die USA oder Japan. Bereits damals lag der Anteil der grenzüberschreitenden Waren und Dienstleistungen dort bei mehr als 50 Prozent, während es in den USA und Japan ein Viertel oder weniger waren. In den 1970er Jahren war der Höhepunkt der Nachkriegsentwicklung erreicht – trotz Ölpreisschocks, Stagfl ation und RAF-Terrorismus.


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Deutschland fällt in vielen Bereichen zurück

Die Mittelschicht schrumpft. Mittelstand und Handwerk, Rückgrat des deutschen Wohlstands, implodieren. Die Deutschen haben deutlich weniger Privatvermögen als die meisten Nachbarn, es gibt neue Armut.

Einen maßgeblichen Anteil am Wiederaufstieg Deutschlands hatte sicher der Mittelstand. Der BWL-Professor und Unternehmensberater Hermann Simon machte 1996 in seinem gleichnamigen Buch die heimlichen Gewinner, die „Hidden Champions“, einem internationalen Publikum als Phänomen begreifbar. Diese Familienunternehmen aus der Provinz machten und machen so ziemlich alles anders, als es im Lehrbuch des angelsächsischen Finanzkapitalismus vorgesehen ist. Sie haben ihren Hauptsitz meistens auf dem Land und stellen sich nicht „breit“ auf, sondern konzentrieren sich auf winzige Nischen auf dem Weltmarkt, die sie dominieren. Sie werden in wesentlichen Entscheidungen autoritär, in der Umsetzung aber 
partizipativ geführt.

Weitere Säulen der deutschen Stärke waren das Sozialsystem, das den sozialen Frieden sicherte und Leistung ermöglichte, ein vorbildliches Bildungs- und Wissenschaftssystem sowie Konzerne von Weltgeltung, die in der „Deutschland AG“ eng miteinander verflochten waren. Ein vorbildliches dezentrales Bankensystem mit Volks- und Raiff eisenbanken und Sparkassen sowie einigen Großbanken versorgte die Wirtschaft mit langfristigen und günstigen Krediten und bot Kleinsparern Anlagemöglichkeiten.

Die Westdeutschen waren zu Recht stolz auf ihren wirtschaftlichen Wiederaufstieg. Helmut Schmidt zog 1976 für die SPD mit dem Slogan „Modell Deutschland“ in den Wahlkampf. Die CDU unter Helmut Kohl hatte mit „Freiheit statt Sozialismus“ keine Chance. Bildung, Gesundheit und Altersversorgung waren im großen und ganzen für alle Deutschen gewährleistet, und zwar unabhängig von ihrer Herkunft und sozialen Schicht. Deutschlands Wirtschaft war in der Welt respektiert, der Export des Landes boomte trotz des Verlustes von Zukunftsindustrien.

Der Weg für das "Modell Deutschland" schien frei

Auch die Währung blieb in den 1970er Jahren im Gegensatz zu den USA und Großbritannien einigermaßen stabil. Die starke D-Mark warf eine hohe Sozialdividende ab. Der Wettbewerbsdruck durch Aufwertungen schadete der Exportwirtschaft nicht, sondern spornte die deutschen Unternehmen zu Innovation und größerer Wettbewerbsfähigkeit an. 1989 konnten endlich auch die Deutschen in der Noch-DDR stolz sein – auf ihre friedliche Revolution, auf ihren Bürgersinn.

Der Weg für das „Modell Deutschland“ – jetzt West und Ost vereint – schien frei. Und dann begann, zunächst langsam, dann aber immer schneller, der Abstieg der deutschen Wirtschaft.

Deutschland fällt in vielen Bereichen zurück. Die Mittelschicht schrumpft. Mittelstand und Handwerk, Rückgrat des deutschen Wohlstands, implodieren. In Deutschland gibt es neue Armut. In den Großkonzernen sitzen verängstigte Manager, die zum Teil ein Vielfaches ihrer Vorgänger verdienen, aber nicht in der Lage sind, ihre Unternehmen in die Zukunft zu führen. Symptomatisch hierfür mag der lange Abstieg der Deutschen Bank sein, der am 4. September 2018 mit dem Rauswurf aus dem europäischen Aktienindex EuroStoxx 50 seinen vorläufigen Tiefpunkt erreichte. Aber auch in der Autoindustrie, der Schlüsselindustrie Deutschlands, sieht es nicht gut aus. In Bildung, Wissenschaft und Technik fällt Deutschland zurück. Wenn die nächste Weltwirtschaftskrise über uns hereinbricht, steht Deutschland ohne Reserven da.

Die Deutschen haben deutlich weniger Privatvermögen als die meisten ihrer Nachbarn, Deutschlands Industrie gebeutelt und oftmals in ausländischem Besitz, der Mittelstand ausgeblutet, die Pensionskassen und Bankbilanzen durch die Nullzinspolitik geplündert. Noch schlimmer: Die einseitige Exportorientierung, die wir uns in den letzten Jahren zu Lasten unserer Bevölkerung und unserer Infrastruktur geleistet haben, wird dazu führen, daß uns die Krise viel stärker treffen wird als andere, weniger exportorientierte Länder.

Auf dem Weg in die "Basarökonomie"

Schon vor vielen Jahren warnte Deutschlands wohl renommiertester Ökonom Hans-Werner Sinn davor, daß das Land zu einer „Basarökonomie“ verkomme, die vor allem vom Handel lebt, in der aber die Wertschöpfungstiefe der Fertigung beständig abnehme.

In der nächsten Wirtschaftskrise kann es in unserem Land sehr ungemütlich werden. Durch Merkels Experiment der Grenzöffnung haben sich die Grundvoraussetzungen massiv verändert. Der gesellschaftliche Grundkonsens ist nicht mehr gegeben.

Zwar ging es Deutschland zweimal im 20. Jahrhundert sehr schlecht, aber beide Male waren die gesellschaftlichen Bedingungen andere. Nach dem Ersten Weltkrieg verloren viele Menschen ihr Vermögen in der Hyperinflation von 1923. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als insbesondere der Westen viele Flüchtlinge aus dem Osten aufnehmen mußte, durchlebte Deutschland Zeiten bitterster Armut. Wieder wurden die Kontoguthaben entwertet. Und die Flüchtlinge wurden keinesfalls mit offenen Armen aufgenommen, sondern eher geduldet (vgl. Andreas Kossert, „Kalte Heimat“).

Ich weiß das auch von Augenzeugenberichten, denn mein Vater und seine Familie waren darunter. Aber es bestand trotz allem ein gesellschaftlicher Grundkonsens. Heute ist das nicht mehr der Fall. Die Verarmung größerer Bevölkerungsgruppen würde auf eine gespaltene Gesellschaft treffen, die an vielen Orten schon zur multiethnischen Gesellschaft geworden ist. In etlichen No-go-Areas kann schon heute die öffentliche Sicherheit nicht mehr uneingeschränkt aufrechterhalten werden. Die Reichen sondern sich immer weiter vom Rest der Gesellschaft ab.

Die Zahl der Bauern, die in Deutschland noch bis in die 1980er Jahre sehr hoch war, ist innerhalb eines Jahrhunderts drastisch gesunken, und zwar von 83,2 Prozent der Bevölkerung im Jahr 1900 auf 1,6 Prozent 2011 (Deutscher Bauernverband, „Jahrhundertvergleich“, Situationsbericht 2012/2013).

Einen eigenen Garten mit zumindest teilweiser Selbstversorgung haben in unserem hochindustrialisierten Land nur noch wenige. Wohin das führen kann, haben wir vor einigen Jahren in Frankreich gesehen, als in den Vororten von Paris massive gewalttätige Unruhen ausbrachen. In der nächsten Wirtschaftskrise kann es in diesem Land sehr ungemütlich werden. Bereits 2008 sagte die CIA in einer Studie für das Jahr 2020 die Unregierbarkeit vieler deutscher Stadtviertel voraus.

In der nächsten Wirtschaftskrise wird es richtig ungemütlich in Deutschland

Der am 13. Januar 2017 verstorbene investigative Journalist Udo Ulfkotte schrieb ein Buch darüber („Vorsicht Bürgerkrieg! Was lange gärt, wird endlich Wut“). Ich hielt das damals für blanke Panikmache. Wenn Unruhen ausbrechen würden, dann vielleicht in Frankreich oder England, aber doch nicht im gesitteten Deutschland. Der brave Deutsche, so meine Annahme, wäre dazu gar nicht fähig.

Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher. Durch Merkels Experiment der Grenzöffnung, von einer mächtigen internationalen Koalition gestützt, haben sich die Grundvoraussetzungen massiv verändert. Viele deutsche Innenstädte fühlen sich nicht mehr deutsch an. Man mag dieses „historisch einzigartige Experiment der Umwandlung einer monoethnischen monokulturellen Demokratie in eine multikulturelle“ begrüßen, wie der Harvard-Politikwissenschaftler Yasha Mounk in den Tagesthemen vom 20. Februar 2018.

Egal, wie man zu diesem „einzigartigen Experiment“ steht, es läßt sich nicht bestreiten, daß die Risiken erheblich sind. Die Vorfälle von Chemnitz im Herbst 2018 geben einen Vorgeschmack. Bereits 2010 schrieb das Nachrichtenmagazin Focus unter Bezug auf Ulfkotte: „Da ahnte selbst der amerikanische Geheimdienst noch nicht, wie schnell die Entwicklung im Herzen Europas die Studie überholen sollte. […] Wo sollte man möglichst schnell wegziehen? Wo wird die Polizei die innere Sicherheit nicht mehr dauerhaft gewährleisten können?“ In der nächsten Wirtschaftskrise wird es richtig ungemütlich in Deutschland.

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